Tourexpi
Songül Göktas-Rosati hat es geschafft. Als Geschäftsführerin des Reiseveranstalters Bentour Reisen zählt sie in Deutschland zu den wenigen Frauen, die sich in der Touristikbranche bis ganz an die Spitze gearbeitet haben. Ihre Position ist das Ergebnis einer Laufbahn, die die Managerin auch als Inspiration für andere Frauen verstanden wissen will: „Es gibt im Tourismus leider zu wenige Frauen, die als role model dienen können. Daran müssen wir arbeiten“, so die Geschäftsführerin. In ihrer leitenden Position bei Bentour arbeitet sie deshalb gezielt an der Förderung von Frauen, die nach dem richtigen Pfad durch den Karriere-Dschungel suchen. „Wir müssen unser Selbstbewusstsein entwickeln und uns gegenseitig unterstützen“, betont Göktas-Rosati in einem Podcast-Gespräch.
Dilemma der Teilzeitarbeit
Dass es solcher Unterstützungen für Frauen bedarf, ist in der Touristikbranche unübersehbar. Die Reisewelt bietet zwar eine Vielzahl unterschiedlichster Arbeitsplätze, Tätigkeitsfelder und Aufstiegschancen, sodass Branchen- und Positionswechsel hier häufig leichter möglich scheinen als in der Industrie oder im Finanzsektor. Doch die Gefahr im Verlauf des Berufslebens in eine Sackgasse zu geraten, ist auch im Tourismus für Frauen weit größer als für Männer. Zu den größten Hemmnissen zählen dabei die mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Familie, sowie in zahlreichen Organisationen auch die immer noch vorhandene Dominanz traditioneller Geschlechterbilder. Das Problem ist nicht neu: Viele aufstiegsorientierte Frauen suchen nach der Familiengründung den beruflichen Wiedereinstieg zunächst über eine Teilzeitposition – eine Entscheidung, die ihre berufliche Entwicklung in der Folge meist nachhaltig ausbremst. „Obwohl diese Frauen ursprünglich andere Pläne hatten, bleiben viele dann am Counter“, beobachtet Claudia Brözel, Professorin für Tourismuswirtschaft an der Fachhochschule Eberswalde. Erschwerend wirken die strukturellen Besonderheiten in Teilbereichen der Branche: Schicht- und Wochenendarbeit sowie saisonale Beschäftigung machen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf schwieriger als in anderen Berufen – Umstände, die Frauen umso mehr benachteiligen, wenn sie noch immer den Großteil der Care-Arbeit übernehmen müssen.
Care-Arbeit wird zur Karrierebremse
Laut einer Befragung im Rahmen einer Mastarbeit für die Fachhochschule Eberswalde gaben 46 Prozent der befragten Frauen an, dass Chancengleichheit im Tourismus entweder gar nicht oder nur ohne Kinder (41 Prozent) existiert. Dass Chancengleichheit unabhängig von Kindern gewährleistet ist, glaubten lediglich 13 Prozent. „Die implizite Erwartung an Frauen, ihre Karriere zugunsten von Care-Arbeit zurückstellen, ist in vielen touristischen Organisationen weiter präsent“, kritisiert Brözel.
Doch die Hindernisse, die Frauen auf dem Weg nach oben beiseiteschieben müssen, reichen darüber hinaus. Der internationale Forschungsstand zum Thema offenbart umfangreiche Barrieren. Und das, obwohl die Welt des Reisens mehr als andere Branchen von Frauen in Schwung gehalten wird: Weltweit besitzen Frauen im Tourismus einen Beschäftigtenanteil von über sechzig Prozent. In Deutschland liegt ihr geschätzter Anteil bei siebzig Prozent. Ihr Anteil auf der CEO-Ebene beziffert sich international hingegen auf bescheidene fünf Prozent. Top-Managerinnen wie Barbara Muckermann, erster weiblicher CEO der Kempinski-Gruppe, Ariane Gorin, CEO von Expedia oder Wendy Olson Killion, CEO der Reiseplattform Rome2Rio, sind leuchtende Ausnahmen in einer globalen Industrie, die nach wie vor von Männern dominiert wird. Auch in Deutschland sind trotz langjähriger Gleichstellungsinitiativen und gesetzgeberischer Maßnahmen Karrieren von Frauen eher die Ausnahme als die Regel. Laut einer Recherche des Fachmediums FVW erweist sich der Frauenanteil in Führungspositionen als stark schwankend, von fünfzig Prozent bei Unternehmen wie der Hotelgruppe Accor bis zu kaum 18 Prozent bei Lufthansa. Branchenübergreifend lag der Frauenanteil in Führungspositionen im Jahr 2023 in Deutschland bei rund 25 Prozent.
Abwertungen als Strategie
Beharrlichkeit und Resilienz sind im Angesicht dieser Strukturen Tugenden, auf die Frauen bei der Karriereplanung kaum verzichten können. „Ich hatte nicht unbedingt einen festen Karriereplan. Das Allerwichtigste ist es, geduldig, anpassungsfähig und flexibel zu bleiben“, resümiert Bentour-Chefin Göktas-Rosati rückblickend. Denn Fallstricke und Hindernisse zeigen sich für viele Frauen nicht erst im Wettbewerb um Spitzenpositionen, sondern oft bereits beim ersten größeren Karriereschritt. Nicht selten sehen sie sich mit einem Zusammenspiel struktureller, kultureller und individueller Faktoren konfrontiert, die zu Beginn einer Laufbahn kaum zu durchschauen sind. Systematische Benachteiligung bei Gehaltsverhandlungen und schlechtere Bezahlung (Gender Pay Gap), oder die Bewertung nach äußeren Merkmalen statt nach Kompetenz und Leistung gehören in vielen Organisationen und Personalabteilungen noch immer zum Alltag. Auch geschlechtsspezifische Kommentare durch Kollegen und Vorgesetzte dienen noch immer dazu Frauen auszubremsen und zu verunsichern.
Macht der Männer-Netzwerke
Darüber hinaus tragen etablierte Männer-Netzwerke dazu bei, den Wettbewerb um Chancen und Aufstiegspositionen zu verzerren und einzuengen. In der Regel funktionieren diese Männer-Netzwerke informell – etwa im Rahmen abendlicher Branchenevents, die im Tourismus eine wichtige Rolle spielen, und zu denen Frauen oft weniger Zugang haben. Die Folgen sind offensichtlich: Je höher die zu besetzenden Positionen, desto dünner die Luft für Frauen. Die Gender-Forschung hat dieses Phänomen als Thomas-Kreislauf identifiziert – benannt nach einem der häufigsten männlichen Vornamen in der Generation der Baby Boomer. Der Thomas-Kreislauf besagt, dass Männer vor allem Männer rekrutieren, die ihnen gleichen und etwa bei Ausbildung und Herkunft große Ähnlichkeiten aufweisen. Je höher die Position, desto stärker werden bei der Stellenbesetzung objektive Kriterien durch Bauchgefühl ersetzt. Dieses Auswahlprinzip fühlt sich für die Entscheider rational und vernünftig an, ist in Wirklichkeit jedoch ein unbewusster Mechanismus mit fatalen Folgen: „Der Thomas-Kreislauf führt zu homogenen Führungsetagen, verhindert Diversität, hemmt Innovationen und schließt Frauen systematisch aus“, beobachtet Tourismusforscherin Brözel.
Sind Frauen mit solchen Mechanismen nicht vertraut, arbeiten sie ihnen oft unbeabsichtigt entgegen. Frauen stellen oft höhere Anforderungen an sich selbst, bevor sie sich auf Führungspositionen bewerben - ein vermeintlich selbstgewähltes Verhalten, das jedoch geschlechtsspezifische Sozialisationserfahrungen und gesellschaftliche Erwartungen reflektiert. Auch wenn Frauen betonen, die Sinnhaftigkeit einer Tätigkeit sei für sie wichtig, drohen sie bei Gehaltsverhandlungen in eine Falle zu tappen. Für die Gegenseite ist dies oft ein beliebter Hebel um Gehaltsansprüche zu reduzieren und den Gender Pay Gap zu zementieren. „Solche Ungerechtigkeiten lassen sich nicht lösen, indem man die Verantwortung allein den Frauen überträgt. Nachhaltige Veränderung erfordert das Engagement aller, insbesondere der Männer. Sie müssen nicht nur sensibilisiert werden, sondern aktiv Verantwortung für eine gerechtere Arbeitswelt übernehmen“, fordert Brözel.
Genau hier setzt das Projekt LEAD³ der Initiative empowher.today an. Das wissenschaftlich begleitete Coaching- und Entwicklungsprogramm unterstützt Frauen im Tourismus durch Coaching, Mentoring und Netzwerkformate. Gleichzeitig richtet sich LEAD³ an Führungskräfte und HR-Verantwortliche, um strukturelle Veränderungen und mehr Geschlechtergerechtigkeit in Unternehmen voranzutreiben. Aktuell begleitet das Projekt 36 Frauen und 12 Unternehmen auf dem Weg zu mehr Geschlechtergerechtigkeit.
Konkrete Maßnahmen statt Storytelling
Frauen, die sich für diese Anliegen engagieren, sind sich einig, dass den Absichtserklärungen der Unternehmen mehr konkrete Taten folgen müssen: „Man sieht mehr Frauen in Verantwortung – aber oft noch zu wenige in den sichtbarsten Rollen und Entscheidungszirkeln. Entscheidend ist, ob Gleichberechtigung im System steckt: in Karrierewegen, Sichtbarkeit, Mentoring und fairen Rahmenbedingungen. Storytelling allein reicht nicht. Es braucht Strukturen, die echte Chancen schaffen“, betont Deborah Rothe, Direktorin der ITB Berlin, in einem Interview mit der Zeitschrift Business Punk.
Auch Brözel sieht in den meisten Unternehmen der Tourismusbranche beim Thema Geschlechtergerechtigkeit noch viel Spielraum für Verbesserungen. Mit warmen Worten und Symbolhandlungen sei es dabei nicht mehr getan. „Kulturelle Offenheit ist ein guter Anfang, aber kein Ersatz für Struktur. Wer Gleichstellung wirklich ernst nimmt, misst sie — mit KPIs, mit transparenten Prozessen, mit Verantwortlichkeiten. Gelebte Werte sollten in messbare Wirkung überführt werden“, verlangt die Tourismusforscherin.
Bildnachweis: © ITB Berlin
Die meistgelesenen Nachrichten
Lesen Sie die Nachrichten

Bentour Reisen öffnet VfB Kinder-Fussballcamp für alle Gäste
Familien an der türkischen Riviera können das Trainingsprogramm der VfB Fussballschule erstmals unabhängig vom Hotel buchen
Lesen Sie die Nachrichten

Casa Cook El Gouna erweitert Angebot um 29 neue Swim-Up Zimmer
Das Adults-only Resort am Roten Meer reagiert auf die hohe Nachfrage im Premiumsegment
Lesen Sie die Nachrichten

Reiseland und Radio TEDDY setzen Familienkampagne fort
Gemeinsame Gewinnspielaktion soll Reichweite erhöhen und Reisebüros gezielt stärken
Lesen Sie die Nachrichten

e-hoi group startet Luxusmarke Finest Cruise Moments
Die neue Premium-Marke konzentriert sich auf Luxus- und Expeditionskreuzfahrten und geht zeitgleich in mehreren europäischen Märkten an den Start
Lesen Sie die Nachrichten

VIVA Cruises tauft erstes Schiff der neuen Produktlinie VIVA Boutique
Mit der VIVA BEYOND startet VIVA Cruises eine neue Boutique-Linie für exklusive Flussreisen auf der Seine
Lesen Sie die Nachrichten

Celebrity Cruises lädt Reiseprofis zu Schiffsbesichtigungen der Celebrity Apex ein
Ship Visits in Rotterdam und Zeebrügge ermöglichen Einblicke in die Edge-Klasse
Lesen Sie die Nachrichten

Wikinger Reisen setzt auf unbekannte Balkanrouten
Neue Wander- und E-Bike-Reisen führen durch Bosnien-Herzegowina, Nordmazedonien und Montenegro
Lesen Sie die Nachrichten

Oceania Cruises präsentiert Feiertagsreisen für 2026 bis 2028
Luxuriöse Weihnachts- und Silvesterkreuzfahrten führen nach Europa, Asien, Australien und Amerika
Lesen Sie die Nachrichten

DERTOUR: Fast jeder fünfte Winterurlaub wurde allein gebucht
Solo Travel entwickelt sich laut aktuellem Reisebarometer zu einem festen Bestandteil des Reisemarkts
Lesen Sie die Nachrichten

alltours bietet kostenlose Umbuchungs- und Stornooption für Winterreisen
Reisende können Winterurlaub bis Ende August 2026 ohne Gebühren umbuchen oder stornieren
Lesen Sie die Nachrichten

TUI bestätigt Jahresausblick trotz geopolitischer Belastungen
Der Reisekonzern verbessert sein operatives Ergebnis im ersten Halbjahr trotz Iran-Krieg und schwieriger Marktbedingungen deutlich
Lesen Sie die Nachrichten

IHA-Branchenreport zeigt steigenden Druck auf deutsche Hotellerie
Neue Ausgabe des „Hotelmarkt Deutschland 2026“ analysiert Erholung, Kostendruck und strukturelle Herausforderungen der Branche
Lesen Sie die Nachrichten

LOT Polish Airlines feiert 80 Jahre Berlin-Warschau-Verbindung
Die polnische Fluggesellschaft verbindet beide Hauptstädte heute bis zu 20-mal pro Woche nonstop
Lesen Sie die Nachrichten

MSC Poesia startet erstmals zu Alaska-Kreuzfahrten ab Seattle
Die modernisierte MSC Poesia fährt bis September auf 7-Nächte-Routen durch Alaska und bietet neue Bereiche, Restaurants und Unterhaltungskonzepte an Bord
Lesen Sie die Nachrichten

Lufthansa plant Mehrheitsübernahme von ITA Airways
Die Lufthansa Group will ihren Anteil an ITA Airways auf 90 Prozent erhöhen und die italienische Airline ab 2027 vollständig integrieren
Lesen Sie die Nachrichten

Eurowings erlaubt Sneaker jetzt an allen Einsatztagen
Deutschlands größter Ferienflieger weitet das bisherige „Sneaker Flydays“-Konzept auf den gesamten Flugbetrieb aus
Lesen Sie die Nachrichten

rtk, Reiseland und TVG starten europaweite Türkei-Roadshow
Neue Veranstaltungsreihe „Feel the Destination & Chill“ setzt auf Erlebnis, Networking und praxisnahe Vertriebsimpulse
Lesen Sie die Nachrichten

FlyArystan blickt auf sieben Jahre Wachstum im Low-Cost-Markt zurück
Die kasachische Fluggesellschaft hat seit ihrem Start mehr als 21 Millionen Passagiere befördert und ihr Streckennetz auf über 40 Ziele ausgebaut
Lesen Sie die Nachrichten

Crystal Serenity erhält 2026 umfassende Modernisierung im Trockendock
Die Crystal Serenity wird im Oktober 2026 umfassend renoviert und erhält neue Suiten, modernisierte öffentliche Bereiche sowie technische Upgrades für mehr Komfort und Effizienz
Lesen Sie die Nachrichten

Hapag-Lloyd Cruises erweitert Japan-Programm mit neuen Expeditions- und Kulturreisen
Japan bleibt ein Schwerpunkt im Fahrplan von Hapag-Lloyd Cruises – mit neuen Routen zwischen den vier Hauptinseln, Expeditionserlebnissen bis Alaska und kulturellen Formaten auf der EUROPA 2
Lesen Sie die Nachrichten

TUI Care Foundation stärkt Schutz der Mittelmeer-Mönchsrobbe in der Türkei
Mit einem erweiterten Meeresschutzprogramm schützt und restauriert TUI Sea the Change Türkiye rund 200.000 Quadratmeter sensiblen Küsten- und Meereslebensraums entlang der türkischen Mittelmeerküste