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Vural Öger: ‘2030 kommen nur noch arme Polen nach Antalya’
Donnerstag, 23. Februar 2012, 07:38
Der ehemalige EU-Abgeordnete und Vorstandsvorsitzende von Öger Türk Tur nimmt im Gespräch mit einem türkischen Tourismusportal kein Blatt vor den Mund.

In einem Gespräch mit dem türkischen Tourismusportal Turizm Güncel sparte Vural Öger, einst Besitzer des größten deutschen Türkei-Spezial-Veranstalters, nicht mit harscher Kritik. „Wenn es so weiter geht,“ so sagte er, „dann wird Antalya wie Torremolinos.“

 

Vural Öger sieht allerdings auch hinsichtlich der Zukunft der großen europäischen Reiseveranstalter schwarz: „In der jetzigen Form sehe ich keine gute Zukunft für Reiseveranstalter. Ich erwarte da ein ähnliches Schicksal wie bei dem Unternehmen Kodak, das über Jahrzehnte eine der beliebtesten Marken für Fotografen war. Dann hat man dort den Beginn des digitalen Zeitalters verschlafen und ist untergegangen. Die technische Entwicklung hat durch die neuen Kommunikationsmöglichkeiten auch große Veränderungen im Verhalten der Touristen mit sich gebracht. So gibt es in den USA auch keinen großen Reiseveranstalter. Dort besorgen sich die Leute ihre Flüge und Hotels in eigener Regie.“

 

„Wir haben die Türkei zum Billigurlaubsland in Europa gemacht“

 

Vural Öger stellte die Tatsache heraus, dass die Türkei pro Urlauber nur relativ wenig Einnahmen erzielt und machte dafür die mehrstöckigen Hotelanlagen und den Massentourismus verantwortlich: „Mit Hotels mit 1.500 bis 2.000 Betten verringern wir nur die Einnahmen, die wir pro Urlauber erzielen. Da man so große Hotels nicht immer voll auslasten kann, verringert man die Preise. Die Türkei bietet in den letzten Jahren mehr Betten an, als nachgefragt werden. Das lässt die Preise fallen. Für Istanbul gilt das nicht, das ist eine ganz andere Lage dort. Dorthin kommen momentan auch sehr reiche Urlauber. Die reisen aber nicht an die Türkische Riviera.“

 

„Es fehlt an der Verbindung zwischen Natur und Kultur“

 

Vural Öger vermisst die Urlaubsgäste, die die Toskana besuchen: „Die Menschen, die in der Toskana oder in St. Tropez Urlaub machen, besuchen uns nicht. Denn wir bieten ihnen nicht diese Kombination zwischen Natur und Kultur, die ihnen geboten wird. Diese Leute fühlen sich in Hotels mit 1.500 Betten nicht wohl. Wir haben die Türkei zu einem günstigen Reiseziel für die untere Mittelschichte Europas gemacht. Was sollen elitäre Urlauber in Antalya anfangen? Was gibt es denn außerhalb der Hotels? Wer heute sein Hotel in der Toskana verlässt, der findet dort 20 bis 30 tolle italienische Restaurants, Cafés und jede Menge Einkaufsmöglichkeiten.“

 

„2030 werden nur noch arme Polen in den Betonklötzen Urlaub machen“

 

Vural Öger zufolge sollte der Bau großer Hotelanlagen im Bereich zwischen Alanya und Kemer an der Türkischen Riviera verboten werden: „Der Bau und Betrieb von großen Hotels dieser Art sollte an der Küste zwischen Alanya und Kemer verboten werden, und auch das Angebot von Hotels in der zweiten Reihe sollte gestoppt werden. In Kemer ist die zweite Reihe ohne direkten Zugang zum Strand schon komplett ausgefüllt. Dort können die Urlauber nicht einmal das Hotel verlassen und frische Luft schnappen. Ich bin der Meinung, die Regierung in Ankara sollte ein Mega-Projekt veranlassen, in dessen Rahmen die Küsten von der Grenze nach Syrien bis zur Grenze nach Griechenland zentral geplant werden. Daran werden sich dann auch die Kommunen halte müssen, die momentan noch aus reiner Gewinnabsicht am liebsten Gebäude mit 15 Stockwerken bauen lassen würden. Doch was wird aus der Zukunft?

2030 wird kein Europäer mehr diese Betonblocks besuchen wollen, vielleicht mit Ausnahme ärmerer Polen. Wir dürfen nicht mehr auf große Gewinne hoffen, sondern müssen vor allem auch außerhalb der Hotels lebenswerte Gebiete schaffen.“

 

„Die Türkische Ägäis hat eine glänzende Zukunft“

 

Nach soviel herber Kritik fand Vural Öger in dem Gespräch auch etwas Positives: „Ich glaube, dass die Türkische Ägäis eine glänzende Zukunft besitzt. Dort gibt es historisch gewachsene Städte, und man könnte dort mit großem Erfolg Boutique-Tourismus betreiben. Dort sollte man das System Alles Inklusive und Hotels mit mehr als 150 Zimmern verbieten. Außerdem sollte man auch auf ein gesundes Verhältnis zwischen bebauten Flächen und naturbelassenen Flächen achten. Damit könnte man den Türkei-Tourismus retten.“

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