Tourexpi
Ende des 19. Jahrhunderts platzte Berlin aus
allen Nähten. Den Hunger der boomenden Metropole nach Kohle, Baumaterial und
Lebensmitteln stillte im Wesentlichen das Brandenburger Umland. Das wiederum
trieb auch in der Provinz die Industrialisierung voran. Aus dieser bewegten Zeit
erzählen vielfältige architektonische und technische Relikte. Einige davon
können direkt in Berlin entdeckt werden, andere sind von der Stadt aus in
wenigen Zugminuten zu erreichen. Das Berliner Zentrum Industriekultur und das
Touristische Netzwerk Industriekultur in Brandenburg halten auf ihren
Webseiten www.industriekultur.berlin und www.reiseland-brandenburg.de/entdecktindustriekultur fertige
thematische Radtouren zum Download bereit. Ein Tipp für den Frühling.
Warmes Licht und kühles Bier
Was haben Brauereien auf dem Prenzlauer Berg und
die Elektroindustrie in Berlin miteinander zu tun? Die Antwort auf diese Fragen
erhalten Radfahrer auf der 25 Kilometer langen Industriekultur-Tour „Warmes
Licht und kühles Bier“. Sie führt auf Radwegen sowie ruhigen Neben- und
Uferstraßen durch die Metropole zu 18 Sehenswürdigkeiten und Schauplätzen der
Industriegeschichte. Stationen sind unter anderem der Siemens-Gründungsort, der
AEG-Versuchstunnel, der Historische Hafen und die Schultheiss-Brauerei.
Die Erfolgsgeschichte des heutigen Weltkonzerns
Siemens begann vor mehr als 175 Jahren in einer Berliner Hinterhofwerkstatt
unweit des Anhalter Bahnhofs. Siemens elektrotechnische Erfindungen befeuerten
die aufstrebende Elektroindustrie. Mehr als vier Jahrzehnte später errichtete
Konkurrent AEG am Humboldthain eine imposante Fabrikstadt. Zur gleichen Zeit
entstanden überall in Berlin Brauereien, die den Durst der ständig wachsenden
Großstadt stillten. Innovative Braumeister setzten auf neue industrielle
Methoden. Die Hanglage des Prenzlauer Bergs begünstigte den Bau von
Kellergewölben für die Lagerung. So war Berlin Ende des 19. Jahrhunderts nicht
nur Elektropolis, sondern auch Brauereimetropole.
Radtour: Warmes Licht und kühles Bier
Länge: 25 Kilometer
Start-/Endpunkt: Deutsches Technikmuseum Berlin
Link: https://industriekultur.berlin/erleben/fahrradrouten/warmes-licht-und-kuehles-bier/
Eisenbahn und Landebahn
Die industrielle Revolution ist ohne
Verkehrsanbindung undenkbar. Im 19. Jahrhundert kommen Baumaterial, Kohle und
andere Rohstoffe vor allem per Lastkahn aus Brandenburg über die Kanäle nach
Berlin. Aber auch die Eisenbahn bringt wichtige Güter in die Großstadt. Erst
später folgen Autos und Flugzeuge. Die Radtour „Eisenbahn und Landebahn“ führt
auf 20 Kilometern durch Kreuzberg, Tempelhof und Schöneberg zu den wichtigsten
Berliner Verkehrsadern von damals.
Startpunkt ist das Deutsche Technikmuseum, das
um 1900 der größte Verkehrsknoten Berlins war. Wo sich einst der Anhalter Bahnhof
befand, können Besucher heute Dampflokomotiven, Lastkähne und Flugzeuge
besichtigen. Nächste Station ist der Flughafen Tempelhof, der 1923 eröffnet
wurde und der heute Raum für Kunst und Kultur ist. Weitere Entdeckungen am
Wegesrand sind die größte historische Krananlage Berlins, der Tempelhofer
Hafen, die Opelhalle und der Postpaketbahnhof.
Radtour: Eisenbahn und Landebahn
Länge: 20 Kilometer
Start-/Endpunkt: Deutsches Technikmuseum Berlin
Link: https://industriekultur.berlin/erleben/fahrradrouten/eisenbahn-und-landebahn/
Auf den Spuren der Großindustriellenfamilie
Borsig
„Feuerland“, so nannten die Berliner im 19.
Jahrhundert jenen Teil der Stadt, in dem die Schmiedefeuer den Nachthimmel
erleuchteten und unaufhörlich schwarzer Kohlenrauch aus den Schornsteinen
stieg. In der Nähe des Oranienburger Tores lag das Herz der
Maschinenbauindustrie. Hier betrieb August Borsig eine der größten
Lokomotivfabriken Europas. Eine zweitägige Tour zu Rad, zu Fuß und per Zug
führt auf den Spuren der Großindustriellenfamilie Borsig von Berlin an den Groß
Behnitzer See in Brandenburg.
Ausgangspunkt der ersten Tagestour ist das
Deutsche Technikmuseum, das einen Lokomotivnachbau zeigt. Anschließend geht es
mit dem Rad zum einstigen Feuerland. Am Hauptbahnhof steigen Radfahrer in die
Bahn um, die sie nach Nauen bringt. Neun Radkilometer weiter lädt das Landgut
Stober am Groß Behnitzer See zur Auszeit ein. Das Hotel ist das einstige
landwirtschaftliche Gut der Familie Borsig, damals einer der modernsten
industriellen Agrarbetriebe. Hier wurden die Lebensmittel für die Kantinen des
Berliner Werkes produziert. Zur Ausstattung gehörten eine dampfbetriebene
Feldmaschine, ein Kartoffelgarautomat und ein klimatisierter Kuhstall.
Nach einer Übernachtung im Hotel fahren
Radfahrer am zweiten Tag mit dem Zug und der U-Bahn zu den ehemaligen
Borsigwerken nach Berlin-Tegel. In den Hallen, in denen zwischen 1898 und 1945
Eisenbahnen gebaut wurden, befindet sich heute ein Einkaufszentrum.
Rad- und Wandertour: Auf den Spuren der
Großindustriellenfamilie Borsig
Länge: 22 Kilometer am 1. Tag, 14 Kilometer am
2. Tag
Start-/Endpunkt: Deutsches Technikmuseum
Berlin/Berliner Hauptbahnhof
Von Zehdenick über den Ziegeleipark Mildenberg
Die Arbeiter der wachsenden Stadt Berlin wohnten
in einfachen Mietskasernen. Manchmal teilten sie sich zu zehnt ein Zimmer. Neue
Mietshäuser sollten die Wohnungsnot mildern – die Ziegel dafür stammten zu
einem Großteil aus Brandenburg. Die Region um Zehdenick im Norden Berlins war
Anfang des 20. Jahrhunderts Europas größtes Ziegelrevier. Die 54 Kilometer
lange Radtour „Von Zehdenick über den Ziegeleipark Mildenberg bis nach
Fürstenberg an der Havel“ nimmt Radfahrer mit ins damalige Zentrum des
Tonabbaus und der Ziegelproduktion.
Die landschaftlich reizvolle Tour startet in
Zehdenick und führt zunächst durch die beeindruckende Tonstichlandschaft. Gegen
Ende des 19. Jahrhunderts entdeckten Arbeiter hier beim Bau einer Eisenbahnstrecke
zufällig Ton. Nach dem Abbau füllten sich die Gruben mit Wasser. Heute laden
sie zum Baden ein. Im Ziegeleipark Mildenberg wird die Geschichte der
Ziegeleiproduktion von 1890 bis 1989 erzählt. Historische Ringöfen, alte
Werkstätten und Trocknungsanlagen können besichtigt werden. Über einen
Abstecher zum glasklaren Stechlinsee endet die Tour in der Wasserstadt
Fürstenberg/Havel.
Radtour: Von Zehdenick über den Ziegeleipark bis
nach Fürstenberg
Länge: 54 Kilometer
Start-/Endpunkt: Bahnhof Zehdenick/BahnhofFürstenberg
Panoramatour Kalkbruch Rüdersdorf
Neben den Ziegeln war auch Kalkstein ein
wichtiger Baustoff, den die wachsende Metropole Berlin verlangte. In
Rüdersdorf, 30 Kilometer östlich der Stadt, bauten Bergarbeiter den begehrten
Rohstoff ab, den sie ab 1885 auch zu Zement verarbeiteten. Eine 25 Kilometer
lange Panoramatour von Strausberg nach Erkner führt Radfahrer entlang von Seen
zum Museumspark Rüdersdorf und lässt sie in den noch heute aktiven Tagebau
blicken.
Der Museumspark ist weltweit das einzige in
dieser Vielfalt erhaltene historische Kalk- und Bergwerk. Berühmte Architekten
wie Karl Friedrich Schinkel entwarfen Pläne für die Bauwerke. Besonders
imposant ist die „Kathedrale des Kalks“, eine riesige Schachtofenbatterie mit
18 Öfen. Über einen Sand- und Wanderweg erreichen Radfahrer auch den Rand des
aktiven Tagebaus und können einen Blick auf die gigantischen Muldenkipper und
die Brecher-Anlage werfen.
Radtour: Panoramatour Kalkbruch Rüdersdorf
Länge: 25 Kilometer
Start-/Endpunkt: S-Bahnhof Strausberg/S-Bahnhof
Erkner
Link: www.ruedersdorf.de/seite/95387/panoramatour-kalkbruch.html
Rund um das Stadtmuseum Alte Burg in Wittenberge
Eine Nähmaschine aus Wittenberge – im 20.
Jahrhundert stand sie in zahlreichen Haushalten Deutschlands, auch in den der
Berliner. Zunächst unter der Bezeichnung Singer, zu DDR-Zeiten hießen sie
Veritas und Naumann. Fast 90 Jahre lang produzierten Arbeiterinnen und Arbeiter
in der Stadt an der Elbe über sieben Millionen Nähmaschinen. Doch auch Öl für
Lampen, Süßwaren sowie Zellstoff und Zellwolle wurden hier hergestellt. Die
Entdeckertour „Rund um das Stadtmuseum Alte Burg in Wittenberge“ führt
Radfahrer durch die bewegende Industriegeschichte der Stadt.
Obwohl die Strecke mit zwölf Kilometern kurz
ist, sollten Radfahrer genügend Zeit einplanen – spannende Ausstellungen laden
zum Besuch ein. Dazu gehört der 1928 erbaute Uhrenturm, eine der größten
Turmuhren Europas und einst das Herz der Nähmaschinenfabrik. Heute befindet
sich im Innern eine Ausstellung zur Geschichte des Nähmaschinenwerkes. Im
Stadtmuseum „Alte Burg“ tauchen Besucher in die Industriegeschichte der Stadt
ein. Die Ausstellungen zeigen alte Nähmaschinen und geben Einblicke in die
Unternehmenskultur der DDR. In die historische Ölmühle ist ein modernes Hotel
eingezogen. Radfahrer können sich den Führungen zur Geschichte anschließen oder
im Restaurant Brauhaus eine Rast einlegen.
Radtour: Rund um das Stadtmuseum „Alte Burg“ in
Wittenberge
Länge: 12 Kilometer
Start-/Endpunkt: Bahnhof Wittenberge
Über Touristisches Netzwerk Industriekultur in
Brandenburg:
Das Touristische Netzwerk Industriekultur in
Brandenburg (www.industriekultur-brandenburg.de)
setzt sich seit 2017 für den tourismusfachlichen Austausch der bedeutendsten
Industriekulturorte im Bundesland ein, organisiert gemeinsame
Marketingmaßnahmen und knüpft Kooperationen mit touristischen Partnern. Aktuell
gehören zum Netzwerk: „Alte Ölmühle“ Wittenberge, Landgut Stober,
Kunstgussmuseum Lauchhammer, Museumsdorf Baruther Glashütte, Museumspark
Rüdersdorf, Neue Energien Forum Feldheim, Optikpark Rathenow, Schiffshebewerk
Niederfinow, Sender- und Funktechnikmuseum Königs Wusterhausen, Stadtmuseum
„Alte Burg“ Wittenberge, Stadt- und Industriemuseum Guben,
Schwartzkopff-Siedlung mit ehemaligen Werksgelände in Wildau, Ziegeleipark
Mildenberg und ZCOM Zuse-Computer-Museum Hoyerswerda.
Ebenfalls Mitglied des Netzwerkes ist die
ENERGIE-Route der Lausitzer Industriekultur mit ihren Stationen
Besucherbergwerk F60, IBA-Terrassen – Besucherzentrum Lausitzer Seenland,
Sächsisches Industriemuseum Energiefabrik Knappenrode, Brandenburgisches
Landesmuseum für Moderne Kunst im Dieselkraftwerk Cottbus, Technisches Denkmal
Brikettfabrik Louise, Biotürme Lauchhammer, Gartenstadt Marga,
Elektroporzellanmuseum Margarethenhütte Großdubrau.
Bildnachweis: © Anja Möller
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