Tourexpi
Vor der türkischen Mittelmeerküste ist ein rund 4.700 Jahre altes Schiffswrack offiziell als ältestes bekanntes Schiffswrack der Welt anerkannt worden. Das bei der Insel Kekova in der Provinz Antalya entdeckte Wrack wurde Anfang November 2026 in das Guinness-Buch der Rekorde aufgenommen. Die Entdeckung liefert neue Hinweise auf die frühe Seefahrt und den Warenaustausch im östlichen Mittelmeer während der frühen Bronzezeit.
Das Wrack liegt in einer Wassertiefe von etwa 35 bis 40 Metern und wird seit 2024 von einem Forschungsteam der Akdeniz-Universität untersucht. Bei den Unterwassergrabungen wurden zahlreiche Keramikgefäße geborgen, deren Alter zunächst nicht erkannt worden war. Erst der Vergleich mit archäologischen Funden aus Ägypten führte zu einer Neubewertung. Die Wissenschaftler ordnen das Schiff inzwischen der frühen Bronzezeit zu.
Für die türkische Archäologie ist die Anerkennung von besonderer Bedeutung. Die Küsten Anatoliens gehören seit Jahrtausenden zu den wichtigen Verbindungsräumen zwischen dem östlichen Mittelmeer, der Ägäis und dem Nahen Osten. Der Fund bei Kekova erweitert das Wissen über eine Epoche, aus der nur wenige unmittelbare Zeugnisse der Seefahrt erhalten geblieben sind. Zugleich könnte die Entdeckung das Interesse an der maritimen Geschichte der Region Antalya weiter stärken.
Eine Entdeckung mit überraschender Datierung
Die wissenschaftlichen Untersuchungen stehen unter der Leitung von Hakan Öniz, außerordentlichem Professor an der Akdeniz-Universität und Leiter des Fachbereichs für Konservierung und Restaurierung von Kulturgütern. Sein Team führt im Auftrag des türkischen Kultur- und Tourismusministeriums seit Jahren Unterwasseruntersuchungen entlang der Mittelmeerküste durch.
Als die Forscher 2024 bei Kekova erstmals auf das Wrack stießen, gingen sie zunächst von einem vergleichsweise jungen Fund aus. Aufgrund einzelner Gegenstände vermuteten sie, dass das Schiff aus osmanischer Zeit stammen und lediglich 100 bis 400 Jahre alt sein könnte.
Erst bei der wissenschaftlichen Auswertung im folgenden Jahr ergaben sich Hinweise auf ein wesentlich höheres Alter. Die Archäologen entdeckten in Fachpublikationen aus Ägypten Gefäße, die den vor Kekova geborgenen Objekten auffallend ähnlich waren.
Daraufhin kehrte das Forschungsteam mit Genehmigung des Kultur- und Tourismusministeriums an die Fundstelle zurück. Weitere Untersuchungen bestätigten nach Angaben der Wissenschaftler die Zuordnung zur frühen Bronzezeit und ein Alter von ungefähr 4.700 Jahren.
Am 4. November teilte Öniz mit, dass der Fund in derselben Woche offiziell in das Guinness-Buch der Rekorde aufgenommen worden sei. Die Entdeckung war bereits am 14. Oktober 2026 durch den türkischen Kultur- und Tourismusminister Mehmet Nuri Ersoy öffentlich vorgestellt worden.
Fundstücke kommen in zwei neue Museen
Die aus dem Wrack geborgenen Gegenstände werden derzeit wissenschaftlich untersucht und konserviert. Ein Teil befindet sich im regionalen Labor des Forschungsteams, weitere Objekte werden im Unterwasserarchäologielabor der Akdeniz-Universität in Kemer bearbeitet.
Nach Angaben von Öniz sollen ausgewählte Fundstücke in den kommenden Monaten erstmals öffentlich ausgestellt werden. Vorgesehen ist unter anderem das neue Museum „Dört Deniz Bir Müze“ – „Vier Meere, ein Museum“ – am historischen Bahnhof Haydarpaşa in Istanbul.
Weitere Objekte sollen im neuen Museum für Mittelmeer-Unterwasserarchäologie in Kemer präsentiert werden, dessen Bau nach Angaben der Forscher kurz vor dem Abschluss steht.
Damit könnte der Fund auch für den Kulturtourismus neue Bedeutung gewinnen. Während die antiken Städte und archäologischen Stätten der türkischen Mittelmeerküste bereits zu den etablierten Ausflugszielen gehören, eröffnet die Unterwasserarchäologie zusätzliche Möglichkeiten, die maritime Geschichte Anatoliens einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.
Kekova als Zentrum maritimer Geschichte
Die Insel Kekova und ihre Umgebung gehören zu den bekanntesten kulturhistorischen Küstenlandschaften der Provinz Antalya. Die Region ist insbesondere für ihre teilweise unter Wasser liegenden antiken Siedlungsreste bekannt, die bei Bootsausflügen besichtigt werden können.
Der bronzezeitliche Fund erweitert die historische Perspektive dieser Landschaft erheblich. Während viele der heute sichtbaren Ruinen aus wesentlich jüngeren Epochen stammen, verweist das entdeckte Wrack auf maritime Aktivitäten vor fast fünf Jahrtausenden.
Für die Forschung ist insbesondere die mögliche Verbindung zu vergleichbaren Keramikfunden in Ägypten interessant. Sie könnte weitere Untersuchungen zu frühen Handelsbeziehungen und Transportwegen im östlichen Mittelmeer anregen. Welche Route das Schiff tatsächlich befuhr und welche Ladung es vollständig transportierte, ist bislang nicht abschließend geklärt.
Eine touristische Besichtigung der Fundstelle selbst wurde nicht angekündigt. Der wissenschaftliche Wert des Wracks und die notwendige Sicherung der Fundstätte stehen zunächst im Vordergrund.
Mit den geplanten Ausstellungen in Istanbul und Kemer erhält die Entdeckung jedoch eine unmittelbare touristische Perspektive. Reisende könnten künftig Originalobjekte eines Schiffs sehen, das bereits lange vor der klassischen griechischen und römischen Antike auf dem Mittelmeer unterwegs war.
Bildnachweis: © KI-erstellte Illustration
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