Tourexpi
Doch wer genauer hinschaut, entdeckt eine zweite, leisere Erzählung. Sie handelt von Menschen und von Materialien, Mustern und Techniken, die über Generationen weitergegeben wurden – von Kunsthandwerk.
Wo aus Steinen Schmuck wird
An kleinen Werkbänken feilen Frauen Silber, ziehen bunte Fäden durch Stoffe, prüfen mit geübten Blicken die Oberfläche einzelner Steine. Draußen liegt die Altstadt von AlUla, deren Lehmhäuser im Licht der Nachmittagssonne fast mit den Felsen dahinter verschmelzen. Drinnen entsteht, Stück für Stück, etwas, das noch länger bleiben wird als der Eindruck einer Reise: echtes, authentisches Kunsthandwerk aus AlUla.
AlUlas Kunsthandwerk ist mehr als ein Souvenir
Seit jeher kreuzen sich in AlUla verschiedenste Handelswege, was nicht nur Waren, sondern auch Ideen in die Region gebracht hat. Dadaniten, Lihyaniten, Nabatäer – sie alle hinterließen Spuren, die man heute nicht nur in Stein gemeißelt findet, sondern auch in Ornamenten, Formen und Symbolen. Schmuck und Kunsthandwerk sind in AlUla deshalb weit mehr als simple Souvenirs und schon gar kein Kitsch. Es ist vielmehr ein Spiegel dieser vielschichtigen Geschichte.
Das kreative Herz von AlUla
Madrasat Addeera ist der wohl wichtigste Ort, an dem die handwerklichen Traditionen bewusst weitergeführt werden. Das ehemalige Mädchenschulgebäude ist heute ein Kunst- und Designzentrum und so etwas wie das kreative Herz der Region. Hier lernen einheimische Frauen und Männer alte Techniken wie Weben, Sticken, Töpfern, Sägen, Flechten oder Feilen. In den Schmuckwerkstätten wird geschmolzen und poliert, Silber wird zu filigranen Armreifen geformt, Steine werden geschliffen und eingefasst. Viele der Entwürfe greifen Motive auf, die sich draußen in der Landschaft finden: geometrische Muster, die an Felsgravuren erinnern, Linien, die an alte Karawanenwege denken lassen, oder florale Ornamente, wie sie in der islamischen Kunst seit Jahrhunderten verwendet werden. In Madrasat Addeera geht es aber nicht ausschließlich um die Kunsthandwerktechniken, sondern auch um alles, was für eine gute Ausbildung dazugehört, wie etwa Buchhaltung und Marketing. Schließlich ist das Ziel der Schule, dass die Schülerinnen und Schüler nach der Ausbildung von ihrem erlernten Handwerk dauerhaft leben können.
Gewebte Geschichten aus der Wüste
Andere Arbeiten erzählen von Materialien selbst. Ton aus der Region wird zu Schalen und Gefäßen geformt, oft verziert mit Mustern, die den Petroglyphen von Jabal Ikmah nachempfunden wurden. Aus Palmwedeln entstehen Körbe und Taschen, aus bunten Fäden wird das traditionelle Beduinengewebe Sadu mit seinen farbintensiven, geometrischen Mustern. Früher vor allem funktional, ist es heute eher ein kulturelles Statement. Und ein Symbol für die Rolle von Frauen, die dieses Wissen über Generationen weitergegeben haben. Madrasat Addeera ist dabei nicht nur Ausbildungsort, sondern auch Schnittstelle zwischen Tradition und Gegenwart. Besucher können an Workshops teilnehmen, selbst Schmuck herstellen oder einfache Webtechniken ausprobieren.
Neue Partnerschaften für Mode und Schmuck
Die Rolle AlUlas als Zentrum für Kunst und Handwerk wird weiter ausgebaut. Die Royal Commission for AlUla (RCU) hat gerade eine neue Partnerschaft geschlossen – mit L’ÉCOLE, School of Jewelry Arts, unterstützt vom Luxusjuwelier Van Cleef & Arpels. Geplant sind Workshops, professionelle Kurse und Programme in den Bereichen Schmuckhandwerk, Kunstgeschichte und Gemmologie, der Kunde von Edelsteinen. Umgesetzt wird dies unter anderem in der Madrasat Addeera und im Aljadidah Arts District. Die Kunsthandwerkschule arbeitet seit Jahren mit namhaften Marken zusammen, wie etwa Piaget oder Cartier, und hat zahlreiche Wand- und Straßengemälde im Kunstviertel Al Jaddidah in AlUla umgesetzt. Ganz neu ist auch die Zusammenarbeit mit dem saudi-arabischen Modelabel HINDAMME, aus der eine limitierte Slow-Fashion-Kollektion hervorging, die von AlUlas jahrtausendealter Geschichte und den Landschaften inspiriert wurde. Entworfen wurden die Stücke von den über 26 Kunsthandwerkerinnen und Kunsthandwerkern von Madrasat Addeera. Motive wie die Petroglyphen von Jabal Ikmah, heimische Pflanzen oder die Arabische Oryxantilope wurden dabei in moderne, tragbare Designs übersetzt – und zeigen, wie lebendig und zeitgemäß sich traditionelles Handwerk in AlUla heute präsentiert.
Bildnachweis: © vanegade
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