Rixos-Chef Tamince fordert Kurswechsel im türkischen Tourismus - Wissen, was im Tourismus los ist!



Türkei
Rixos-Chef Tamince fordert Kurswechsel im türkischen Tourismus
Auf der Antalya Tourism Fair plädiert Fettah Tamince für höhere Einnahmen statt neuer Besucherrekorde, innovative Reiseangebote und Investitionen außerhalb der klassischen Urlaubsregionen
Rixos-Chef Tamince fordert Kurswechsel im türkischen Tourismus

Die türkische Tourismuswirtschaft steht nach Ansicht von Fettah Tamince vor einem entscheidenden Wendepunkt. Auf der Antalya Tourism Fair (ATF26), die vom 26. bis 28. Oktober im ANFAŞ-Messezentrum stattfindet, stellte der Gründer und Vorstandsvorsitzende von Rixos Hotels in seiner Grundsatzrede „Die globale Reise des türkischen Tourismus“ das bisherige Wachstumsmodell der Branche infrage.

Die Türkei habe in den vergangenen 40 Jahren eine außergewöhnliche touristische Erfolgsgeschichte geschrieben. Doch das bisherige Prinzip, immer mehr Hotels zu errichten und immer größere Besucherzahlen anzustreben, sei nicht länger die richtige Antwort auf die Herausforderungen der Zukunft. Die Branche müsse sich von einer einseitigen Orientierung an Kapazitäten und Besucherrekorden lösen.

Tamince forderte einen Strategiewechsel hin zu mehr Qualität, höherer Wertschöpfung, innovativen Tourismusprodukten und einer breiteren regionalen Verteilung der touristischen Entwicklung. Gleichzeitig warnte der international tätige Hotelunternehmer vor wachsendem Personalmangel und zunehmender Konkurrenz durch Ägypten, Vietnam und Saudi-Arabien. Die kommenden Jahre würden darüber entscheiden, ob die Türkei ihre internationale Wettbewerbsposition langfristig behaupten könne.

100 Milliarden Dollar mit 50 Millionen Gästen

Die wohl bemerkenswerteste Aussage seiner Rede betraf die langfristigen Einnahmeziele des türkischen Tourismus. Tamince sprach sich dafür aus, den wirtschaftlichen Erfolg einer Destination nicht länger vorrangig an der Zahl ihrer Besucher zu messen. Statt 100 Millionen Touristen anzustreben, solle die Türkei das Ziel verfolgen, mit 50 Millionen oder perspektivisch sogar weniger Gästen Einnahmen von 100 Milliarden US-Dollar zu erzielen.

Damit plädierte er für eine deutliche Steigerung der durchschnittlichen Einnahmen pro Besucher. Die Türkei müsse verstärkt zahlungskräftige Zielgruppen ansprechen und touristische Angebote entwickeln, die sich durch Qualität, Individualität und besondere Erlebnisse auszeichnen.

Länder wie Italien und Spanien zeigten, dass hochwertige Tourismusangebote auch mit vergleichsweise begrenzten Kapazitäten erhebliche Umsätze erwirtschaften können. Für die Türkei gehe es nun darum, den über Jahrzehnte aufgebauten Erfahrungsschatz gezielt in höherwertige und differenzierte Produkte umzusetzen.

Auch die bisherige Investitionspolitik stellte der Rixos-Chef zur Diskussion. In Antalya bestehe nach seiner Einschätzung keine Notwendigkeit, immer weitere Hotels mit nahezu identischen Konzepten zu errichten oder bestehende Anlagen kontinuierlich zu vergrößern. Die Konzentration zahlreicher ähnlicher Großhotels auf wenige Küstenregionen führe langfristig zu einem Wettbewerb, der zunehmend über den Preis ausgetragen werde.

Tamince forderte deshalb, künftig stärker in die qualitative Weiterentwicklung vorhandener Anlagen sowie in neue touristische Konzepte zu investieren. Entscheidend sei nicht, noch ein Hotel zu bauen, sondern ein anderes, unverwechselbares Angebot zu schaffen. Dabei plädierte er ausdrücklich für eine gezieltere regionale Investitionspolitik.

Als Beispiel nannte er Saklıkent im Hinterland von Antalya, wo neue Hotelangebote durchaus sinnvoll sein könnten. Statt weitere Kapazitäten in bereits stark erschlossenen Küstenregionen zu schaffen, sollten Investoren neue Standorte mit bislang ungenutztem Potenzial erschließen.

Ganzjahrestourismus und neue Gesundheitsangebote

Ein zentrales Anliegen Tamnices ist die Verlängerung der touristischen Saison und die geografische Diversifizierung des Angebots. Der türkische Tourismus konzentriere sich noch immer zu stark auf die klassischen Küstendestinationen und wenige Sommermonate. Diese Struktur müsse überwunden werden.

Als Vorbild verwies Tamince auf Italien, wo sich die touristische Wertschöpfung auf zahlreiche Regionen, Städte und unterschiedliche Reiseformen verteilt. Die Türkei verfüge über vergleichbare Voraussetzungen: historische Städte, antike Kulturstätten, die Berglandschaften und Hochebenen der Schwarzmeerregion, die vielfältigen Naturräume Anatoliens und eine außergewöhnlich reiche Gastronomie. Allerdings müssten diese Werte konsequenter in marktfähige touristische Produkte umgesetzt werden.

Auch Antalya selbst besitze mit seiner historischen Altstadt Kaleiçi ein kulturelles Potenzial, das bislang nicht ausreichend ausgeschöpft werde. Tamince warnte zugleich vor den negativen Auswirkungen einer übermäßigen touristischen Konzentration auf wenige Zentren. Die Diskussionen über Overtourism in europäischen Städten wie Barcelona zeigten, dass wirtschaftlicher Erfolg und Lebensqualität der einheimischen Bevölkerung in ein ausgewogenes Verhältnis gebracht werden müssten.

Besonders große Chancen sieht Tamince in der wachsenden Nachfrage nach Gesundheitsvorsorge, Wellness, gesundem Altern und langfristigen Aufenthalten. Vor allem die demografische Entwicklung Europas eröffne der Türkei neue Möglichkeiten.

Die vorhandene Hotelinfrastruktur, das Klima, die medizinischen Angebote und die landwirtschaftliche Vielfalt könnten miteinander kombiniert werden, um international wettbewerbsfähige Gesundheits- und Wellbeing-Konzepte zu schaffen. Tamince sprach sich dafür aus, spezialisierte Einrichtungen für gesundes Altern zu entwickeln und entsprechende Investitionen staatlich zu unterstützen.

Dabei gehe es nicht lediglich um zusätzliche Spa-Bereiche in bestehenden Hotels, sondern um eigenständige touristische Produkte mit hoher Wertschöpfung. Auch die Verbindung von regionaler Landwirtschaft, gesunder Ernährung und Gastronomie könne ein wichtiger Bestandteil dieser neuen Angebote werden. Die touristische Nutzung solcher Konzepte könnte gleichzeitig dazu beitragen, die starke Abhängigkeit von den Sommermonaten zu reduzieren.

Personalmangel und internationale Konkurrenz

Neben der Investitionspolitik sieht Tamince den Arbeitsmarkt als eine der größten Herausforderungen der kommenden Jahre. Die Türkei sei längst kein klassischer Niedriglohnstandort mehr. Gleichzeitig veränderten sinkende Geburtenraten und die demografische Entwicklung die Verfügbarkeit von Arbeitskräften.

Der Hotelunternehmer warnte davor, dass der Betrieb personalintensiver Großanlagen künftig erheblich schwieriger werden könnte. In fünf Jahren könne es zunehmend problematisch werden, ausreichend Mitarbeiter für die Hotels zu gewinnen. Auch die bisherige Beschäftigung ausländischer Arbeitskräfte werde nicht zwangsläufig im gleichen Umfang fortgesetzt werden können.

Die Branche müsse deshalb langfristig planen und stärker in Produktivität, Qualifizierung, Mitarbeiterbindung und effizientere Betriebsmodelle investieren. Ein weiteres Wachstum der Hotelkapazitäten ohne entsprechende Personalstrategie sei aus seiner Sicht wirtschaftlich riskant.

Mit Blick auf den internationalen Wettbewerb warnte Tamince vor einer Unterschätzung neuer und stark expandierender Tourismusdestinationen. Vietnam investiere massiv in touristische Infrastruktur und orientiere sich dabei teilweise an Entwicklungsmodellen, die in der Türkei und Spanien über Jahrzehnte erfolgreich gewesen seien. Nach seiner Einschätzung versuche Vietnam, große Teile dieses Entwicklungsprozesses in deutlich kürzerer Zeit nachzuholen.

Auch Ägypten entwickle sich dank seines ganzjährig attraktiven Klimas, seiner historischen Sehenswürdigkeiten und neuer Großinvestitionen zu einem zunehmend starken Wettbewerber. Unter anderem fließe erhebliches Kapital aus den Vereinigten Arabischen Emiraten und Katar in ägyptische Tourismusprojekte.

Saudi-Arabien wiederum investiere Milliarden in neue Destinationen am Roten Meer, Flughäfen, touristische Infrastruktur und internationale Hotelmarken. Diese Länder entwickelten ihre Tourismuswirtschaft mit langfristigen Strategien und beträchtlichen finanziellen Mitteln. Die Türkei dürfe deshalb nicht davon ausgehen, ihre heutige Marktposition automatisch auch in Zukunft behaupten zu können.

Internationale Expansion und neue Finanzierungsquellen

Trotz des zunehmenden Wettbewerbs sieht Tamince große internationale Chancen für türkische Tourismusunternehmen. Die Türkei habe in den vergangenen vier Jahrzehnten ein enormes Know-how in der Hotellerie, bei Reiseveranstaltern, Fluggesellschaften und im Destinationsmanagement aufgebaut. Dieses Wissen sei inzwischen in zahlreichen Ländern gefragt.

Tamince verwies auf die internationale Entwicklung seiner eigenen Unternehmensgruppe, die nach seinen Angaben in 24 Ländern tätig ist. Neben Rixos würden auch Marken wie The Land of Legends und Aliée für die internationale Expansion genutzt.

Verschiedene Staaten bemühten sich darum, türkische Tourismusunternehmen als Investoren oder Betreiber zu gewinnen. Teilweise würden dafür Grundstücke, Infrastrukturleistungen und Finanzierungsmöglichkeiten bereitgestellt. Türkische Unternehmen sollten diese Chancen nutzen und ihr Geschäftsmodell stärker internationalisieren.

Eine weitere Forderung Tamnices betrifft die Finanzierung zukünftiger Tourismusinvestitionen. Nach seinen Angaben investieren große internationale Fonds jährlich rund 60 bis 70 Milliarden US-Dollar in touristische Projekte und Immobilien. Die türkische Tourismuswirtschaft müsse sich stärker für diese Kapitalquellen öffnen.

Dazu seien professionelle Unternehmensstrukturen, transparente Investitionsmodelle und eine intensivere Zusammenarbeit mit internationalen Finanzzentren erforderlich. Tamince nannte unter anderem London, New York, Dubai, Hongkong und Singapur als mögliche Anknüpfungspunkte. Die türkische Tourismuswirtschaft verfüge inzwischen über ausreichend Erfahrung und wirtschaftliche Substanz, um sich stärker an den internationalen Kapitalmärkten zu positionieren.

Zum Abschluss seiner Rede erinnerte Tamince an die zahlreichen Krisen, die der türkische Tourismus in den vergangenen Jahrzehnten bewältigt hat. Sowohl die schwierige Situation des Jahres 2016 als auch die COVID-19-Pandemie hätten die Branche vor existenzielle Herausforderungen gestellt. Die bisherigen Erfolge dürften jedoch nicht dazu verleiten, an überholten Geschäftsmodellen festzuhalten.

Steigende Kosten, Personalmangel, der internationale Wettbewerb und veränderte Gästebedürfnisse verlangten nach einer neuen langfristigen Strategie. Tamince forderte die Branche auf, ihre Komfortzone zu verlassen und bereits heute die Grundlagen für die kommenden 40 Jahre zu legen.

Bildnachweis: © Mit freundlicher Genehmigung von GM Dergi


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