Tourexpi
Künstliche
Intelligenz, Vertrauen in digitale Systeme und der Umgang mit Daten könnten die
Reisebranche bis 2046 grundlegend verändern. Zu diesem Ergebnis kommt der neue
Executive Brief 2026, den das Marktforschungs- und Analyseunternehmen
Phocuswright gemeinsam mit der ITB Berlin veröffentlicht hat. Die Analyse
basiert auf Diskussionen führender Branchenexperten beim ersten „Leadership
Exchange“, der Anfang März im Berliner CityCube stattfand.
Im
Mittelpunkt standen zentrale Zukunftsfragen: Wer kontrolliert künftig die
digitalen Reiseökosysteme – Technologieunternehmen, Staaten oder die Reisenden
selbst? Welche Rolle spielen Vertrauen und Daten in einer von KI gesteuerten
Branche? Und bleibt Reisen ein allgemein zugängliches Gut oder entwickelt es
sich zunehmend zu einem Privileg?
Leadership
Exchange diskutiert Zukunft des Reisens
Beim
Leadership Exchange kamen Branchenexperten in einem vertraulichen
Thinktank-Format zusammen. Die Gespräche folgten der sogenannten
Chatham-House-Regel, die einen offenen Austausch ermöglicht, ohne einzelne
Aussagen öffentlich bestimmten Personen zuzuordnen.
Diskutiert
wurden vier zentrale Themen: Wem gehört künftig das Vertrauen der Reisenden? Wo
entsteht wirtschaftlicher Wert in einer Branche, die zunehmend von KI gesteuert
wird? Ist Reisen ein Recht für alle oder ein Privileg? Und entwickelt sich die
Branche eher in Richtung weniger dominanter Plattformen – oder hin zu einer
stärker fragmentierten Landschaft aus spezialisierten Anbietern?
Das
Treffen sollte über reine Trendanalysen hinausgehen und konkrete Impulse für
Unternehmen, Politik und andere Akteure liefern, die sich auf tiefgreifende
strukturelle Veränderungen im Tourismus einstellen müssen.
KI
verändert Machtverhältnisse in der Reisebranche
In
den Diskussionen zeichnete sich ein deutliches Bild ab: Künstliche Intelligenz
wird das Reisen für Verbraucher einfacher und reibungsloser machen –
gleichzeitig könnte sie die Machtverhältnisse innerhalb der Branche grundlegend
verschieben.
„Die
Reisebranche steht vor einem strukturellen Wandel, wie wir ihn seit den
Anfängen der Digitalisierung nicht mehr erlebt haben“, sagte Dr. Mario Tobias,
Vorsitzender der Geschäftsführung der Messe Berlin. „Mit dem Leadership
Exchange haben wir ein Format geschaffen, in dem Entscheider nicht nur über die
Zukunft sprechen, sondern sie aktiv mitgestalten. Die Entscheidungen, die wir
jetzt in Bezug auf Vertrauen, Daten und Wertschöpfung treffen, werden die
Branche über Jahrzehnte prägen.“
Vertrauen
wird zur zentralen Ressource
Ein
zentrales Ergebnis der Gespräche ist die wachsende Bedeutung von Vertrauen in
einer digitalen Reiseökonomie. In einer KI-geprägten Welt verteilt sich
Vertrauen zunehmend auf viele Ebenen – von Plattformen und Algorithmen bis hin
zu Bewertungen und nutzergenerierten Inhalten.
Vertrauen
entsteht damit nicht mehr allein durch Marken oder direkte Kundenerfahrungen,
sondern durch zahlreiche kleine Interaktionen entlang der gesamten Customer
Journey. Gleichzeitig erschweren KI-basierte Entscheidungs- und Buchungssysteme
zunehmend die Zuordnung von Verantwortung, was das Risiko größerer
Vertrauensbrüche erhöhen kann.
„Vertrauen
ist kein Algorithmus. Es gibt kein einfaches Rezept – und künftig werden nicht
nur Unternehmen, sondern auch Konsumenten danach bewertet, wie vertrauenswürdig
sie sind“, sagte Mieke De Schepper, CEO der Sunweb Group.
KI-Agenten
verändern Suche und Buchung
Wenn
intelligente Assistenten künftig Reiseplanung und Buchung übernehmen, könnte
sich auch die Rolle klassischer Anbieter verändern. Personalisierung wird zu
einem zentralen Wettbewerbsvorteil, da Reiseerlebnisse auf Basis umfangreicher
Datenanalysen und individueller Präferenzen in Echtzeit zugeschnitten werden
können.
Diese
Entwicklung stellt etablierte Marken jedoch vor neue Herausforderungen: Wenn
persönliche KI-Agenten Entscheidungen treffen, könnte nicht mehr die Marke
selbst, sondern die zugrunde liegende Informationsquelle den Ausschlag geben.
„Bis
2029 wird die klassische Reiseinspiration und -suche fast keine Rolle mehr
spielen. Im Mittelpunkt stehen künftig persönliche Agenten, die in unserem
Auftrag handeln“, sagte Timothy O’Neil-Dunne, Strategieberater bei T2Impact.
Reisen
könnte zum Privileg werden
Neben
technologischen Entwicklungen rücken auch gesellschaftliche und politische
Faktoren stärker in den Fokus. Während digitale Technologien Reisen für viele
Menschen einfacher und zugänglicher machen können, wächst zugleich die
Belastung durch Massentourismus in zahlreichen Destinationen.
Parallel
dazu beeinflussen wirtschaftliche Ungleichheit, geopolitische Spannungen und
staatliche Regulierung zunehmend die Mobilität von Reisenden. Einige Experten
sehen daher die Möglichkeit, dass Reisen künftig stärker reguliert oder über
Preisgestaltung eingeschränkt wird.
„Um
Migration und Massentourismus zu steuern, könnte Reisen zunehmend zu einem
Privileg werden. Staaten könnten den Tourismus entweder über strengere
Visa-Regeln begrenzen oder Menschen durch Preisgestaltung vom Reisen
ausschließen“, sagte Stephen Joyce, Global Strategy Lead bei Protect Group.
Branche
steht vor richtungsweisenden Entscheidungen
Ob
die Reisebranche künftig stärker von wenigen großen Plattformen dominiert wird
oder sich eine vielfältigere, fragmentierte Struktur entwickelt, hängt nach
Einschätzung der Experten maßgeblich vom Umgang mit Daten, Vertrauen und
Technologie ab.
Einigkeit
bestand darüber, dass die kommenden Jahre entscheidend sein werden. Die
Weichenstellungen bei Dateneigentum, Regulierung und technologischer
Entwicklung könnten die Struktur des globalen Reisemarktes für Jahrzehnte
prägen. Wie ein Teilnehmer des Leadership Exchange zusammenfasste: Die Zukunft
des Reisens lässt sich nicht nur vorhersagen – sie wird aktiv gestaltet.
Bildnachweis:
© ITB Berlin
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