Tourexpi
Es gibt Wege, die führen einfach nur von A nach B. Andere hingegen, schicken Wanderer durch Schluchten oder Nebelwälder, über Sandsteinfelsen oder in steinerne Labyrinthe. Sie verlaufen durch verlassene Bergdörfer, vorbei an tosenden Stromschnellen, roten Tagebaulandschaften oder über schmale Grate mit Blick bis zum Horizont. Mal sind es nur wenige hundert Meter, mal viele Kilometer, die Kondition und ab und zu ein bisschen Mut verlangen. Besondere Wanderwege bieten Landschaften, die sich Schritt für Schritt öffnen und einem lange im Gedächtnis bleiben. Eine Reise zu ganz außergewöhnlichen Wanderwegen rund um die Welt.
Oman – vom Balcony Walk in den Abgrund blicken
Der Weg beginnt scheinbar unspektakulär: ein paar Schotterpisten, Ziegenherden, ein kleines Dorf auf 1.900 Metern. Doch dann. Man tritt an die Kante und die Welt fällt weg. Der Balcony Walk am Jebel Shams, dem mit 3.005 Metern höchsten Berg Omans, führt vier Kilometer am sogenannten Grand Canyon der Arabischen Halbinsel entlang. Der Vergleich ist absolut angemessen. Zur Linken türmen sich kalkweiße Felswände auf, zur Rechten klafft ein 500 Meter tiefer Abgrund in ein Tal, das auf der Gegenseite wieder ebenso steil ansteigt. Der Pfad ist schmal und felsig, die Aussicht in diesen gigantischen Riss in der Erdoberfläche schwindelerregend schön. Am Ende der Route wartet ein verlassenes Dorf, in dem einst Menschen Terrassen in die Steilwände schlugen, um Getreide anzubauen, und ein idyllischer Bergsee unter einem Felsüberhang. Der Rückweg führt auf demselben Weg zurück.
Luxemburg – rote Erde und alte Gruben auf dem Minett Trail
Bis 1997 wurde in Luxemburg mit dem Eisenerz der Grundstoff für den modernen Reichtum des Großherzogtums zu Tage befördert. Heute sind die ehemaligen Tagebaugebiete UNESCO Biosphärenreservat. Der „Minett Trail“ kombiniert auf einer Strecke von 90 Kilometern und zwölf Wanderetappen Naturerlebnis mit Industriegeschichte. Immer wieder wird die Natur unterbrochen von den Symbolen des Berg- und Tagebaus, wie dem Wasserturm von Düdelingen. Zu dessen Fuße wartet eine originelle Wanderhütte auf ihre Gäste. Der „Floater“ im Kühlweiher der Industriebrache Neischmelz ist eines von elf „Kabaisercher“, die 2022 extra für den Trail konzipiert wurden. Im Freilichtmuseum Fond-du-Gras nächtigen Gäste im umgebauten Eisenbahnwagon auf einem ehemaligen Umladebahnhof. Ein besonderes Erlebnis ist die Fahrt mit der nostalgischen Dampflok „1900“ oder der Ausflug tief in den Bergwerksstollen mit der wiederhergestellten Grubenbahn.
Niagara Parks – der White Water Walk an den Stromschnellen
Die meisten Niagara-Besucher bestaunen das Naturschauspiel von oben. Doch wer wirklich verstehen will, welche Kraft hier wirkt, muss nach unten, dort wo das Wasser nach 57 Meter freiem Fall aufschlägt. Ein Aufzug bringt die Besucher nach unten, direkt an den Rand eines der wildesten Flüsse Nordamerikas. Der „White Water Walk“ der Niagara Parks Commission ist zwar nur 300 Meter lang und ein Holzsteg unmittelbar am Ufer des Niagara River, doch er hat es in sich: Die Stromschnellen in diesem Abschnitt sind als Klasse 6 eingestuft – die höchste Kategorie, jenseits jeder Befahrbarkeit. Türkisgrün, zu weißen Schaumwellen, dem sogenannten Weißwasser aufgetürmt, donnert das Wasser an 410 Millionen Jahre altem Kalkgestein vorbei. Gischt trifft das Gesicht, man spürt den Boden vibrieren und hat das Gefühl, die normale, die ruhige Welt liegt dort oben, weit über den Stromschnellen und einem der wohl berühmtesten Wasserfälle der Welt.
Pfronten im Allgäu – zwischen Rittern, Ruinen und Rundumblicken
Es stand an seines Schlosses Brüstung der Ritter Fips in voller Rüstung. Da hörte er von unten Krach und sprach zu sich: „Ich schau mal nach!“ Und lehnte sich in voller Rüstung weit über die erwähnte Brüstung. Dass dieses Gedicht von Heinz Erhardt mit einem Sturz weitergeht, kann man sich denken. Wie sich allerdings das echte Ritterleben anfühlte, erlebt man am besten im Burgenmuseum in Zell bei Pfronten im Allgäu. Mit dem neu erworbenen Wissen geht es dann hinauf zu den Zwillingsruinen Hohenfreyberg und Eisenberg. Hohenfreyberg ist die jüngere Burg, sie wurde im Jahr 1418 von einem Sohn des Burgherrn von Eisenberg erbaut. Auf dem Wanderweg „Drachenblick“ geht es weiter zum Schlossweißer und zur Schlossberg Alm, von der aus man einen schönen Blick auf die Pfrontener Hausberge Breitenberg und Aggenstein genießt. Wer die Runde von Pfronten aus geht, ist knapp vier Stunden und gut 13 Kilometer unterwegs.
Texas – zu den großen Quellen zwischen Austin und San Antonio
Im Zentrum von Texas entsteht zwischen Austin und San Antonio ein Wanderroute, die vom Great Springs Project entwickelt wird. Der Weg führt durch das Texas Hill Country mit seinen Kalksteinhügeln, Eichenwäldern und Quellgebieten. Entlang der Strecke liegen mehrere der großen Quellen Zentraltexas’, darunter Barton Springs, San Marcos Springs und Comal Springs. Immer wieder öffnen sich weite Blicke über die sanften Hügelzüge der Region, dazwischen verlaufen ruhige Abschnitte entlang kleiner Flüsse und natürlicher Wasserläufe. Die Route verbindet Naturgebiete mit kleineren Städten und Randbereichen der beiden Metropolen. Dadurch wechseln sich abgelegene Passagen mit kulturell geprägten Abschnitten ab. Typisch für die Landschaft sind trockene Wacholderhänge, schattige Eichenhaine und klare Flüsse, die selbst im heißen texanischen Sommer viele Bereiche grün halten. Die Strecke zeigt eine Seite von Texas, die recht unbekannt ist: wasserreiche Landschaften, lange Hügellinien und ausgedehnte Schutzgebiete zwischen zwei der größten Städte des Bundesstaates.
Salt Lake – über Antelope Island im größten Salzsee der USA
Der Great Salt Lake an der gleichnamigen Stadt in Utah ist ein wahres Naturwunder. Dank eines hohen Salzgehalts ist der See eigentlich unwirtlich – und doch so lebendig. Im Great Salt Lake befinden sich mehrere Inseln. Die größte davon, Antelope Island, ist gleichzeitig State Park und Heimat zahlreicher Tiere, darunter Kojoten, Wisente, Maultierhirsche, Dickhornschafe und zahlreiche Vogelarten. Durch den Antelope Island State Park ziehen sich 40 Kilometer an Wanderwegen. Der Frary-Peak-Wanderweg führt auf elf Kilometern und über 709 Höhenmetern zum höchsten Punkt der Insel. Hier oben sind die Aussichten magisch und die Sonne im Sommer mitunter unbarmherzig. Wer es lieber moderat mag, kann am Buffalo Point Trail auf zwei Kilometern die Aussicht genießen und mit etwas Glück zahlreiche Tiere erspähen.
AlUla – durch das steinerne Labyrinth des Twisted Maze
Ein breiter Spalt im Fels, eine Kurve, es wird enger und die Schlucht zum Canyon. Das Labyrinth verschlingt die Wanderer schon nach wenigen Metern. Wer den Wanderweg „Twisted Maze“ in AlUla betritt, verschwindet für Stunden in einer Welt aus meterhohen Sandsteinwänden und verborgenen Wasserbecken. Die anspruchsvolle Tour führt tief hinein in die Canyons von Madakhel, vorbei an uralten Felszeichnungen und Gesteinsschichten, die in Rot-, Orange- und Goldtönen leuchten. Immer wieder geht es nur mit Hilfe von Seilen weiter, über glatte Felsen in kalte Wasserpools und durch so schmale Felsspalten, dass kaum Platz zum Drehen bleibt. Die Tour dauert je nach Tempo acht bis zehn Stunden und zählt zu den schwierigsten und faszinierendsten Outdoor-Abenteuern in der saudischen Oase AlUla. Trittsicherheit, Kondition und Mut sind hier Voraussetzung.
Illinois – Sandsteinfelsen und Schluchten im Garden of the Gods
Im Süden von Illinois, versteckt im dichten Wald des Shawnee National Forest, überrascht der Garden of the Gods mit einer Szenerie, die eher an den amerikanischen Westen erinnert als an den Mittleren Westen. Herzstück ist der kurze, aber eindrucksvolle Observation Trail: ein nur rund 800 Meter langer Rundweg, der über natürliche Sandsteinplatten führt und immer wieder spektakuläre Ausblicke freigibt. Bizarr geformte Felsen, dramatische Klippen und weite Panoramen über die bewaldeten Hügel lassen die Landschaft fast unwirklich erscheinen. Wer tiefer eintauchen möchte, findet in der Umgebung weitere Trails durch stille Wälder und vorbei an uralten Gesteinsformationen, wie den Garden of the Gods Loop. Auf insgesamt 11,3 Kilometern führt der Rundweg in circa drei Stunden durch abwechslungsreiches Terrain und zeigt, wie überraschend vielfältig Illinois jenseits der Metropolen sein kann.
Costa Rica – durch den Nebelwald von Monteverde
Ein besonders eindrucksvoller Wanderweg ist das gut ausgebaute Wegenetz im Nebelwaldreservat von Monteverde. Mehrere miteinander verbundene Pfade – darunter auch Abschnitte wie der Sendero Bosque Nuboso – führen auf insgesamt über zehn Kilometern durch dichten, immergrünen Wald, der fast ständig von feinem Nebel durchzogen ist. Entlang der Wege passieren Wanderer moosbewachsene Baumriesen, epiphytische Pflanzen, Farne und eine beeindruckende Vielfalt an Orchideen. Immer wieder eröffnen sich Aussichtspunkte, die bei klarer Sicht spektakuläre Blicke bis zur Pazifikküste ermöglichen. Ein besonderes Highlight sind die Hängebrücken, die hoch über dem Waldboden verlaufen und faszinierende Einblicke in das Blätterdach geben. Mit etwas Glück lassen sich hier exotische Tiere wie Nasenbären, Tukane, Affen oder sogar der seltene Vogel Quetzal beobachten. Die gut ausgeschilderten Wege variieren von leicht bis moderat anspruchsvoll und bieten ideale Bedingungen für Naturfreunde, die tief in die einzigartige, mystische Atmosphäre des costaricanischen Nebelwaldes eintauchen möchten.
Aruba – der Cunucu Trail im Nationalpark Arikok
Viele Wege durchziehen den Arikok National Park, vorbei an Kalksteinformationen, durch trockene Täler und über vom Wind geformte Ebenen. Besonders der familienfreundliche Cunucu Arikok Trail verbindet Natur- und Kulturerlebnisse: Entlang der rund zweistündigen Route geben Informationstafeln Einblicke in die einheimische Pflanzenwelt, geologische Besonderheiten, wie etwa eine Felshöhle mit Malereien der Arawak-Indigenen, und die Geschichte der Insel. Die Pfade folgen der natürlichen Topografie, mal felsig, mal sandig, immer wieder mit Ausblicken auf die zerklüftete Küste. Wandern auf Aruba ist kein Weg durch Extreme, sondern eine Annäherung an Landschaft. Es ist das langsame Erschließen kurzer Distanzen und das bewusste Wahrnehmen von Raum und Ruhe. So entsteht ein Erlebnis, das sich weniger über Höhepunkte definiert als über den Rhythmus der Schritte und die Klarheit der Umgebung.
Bildnachweis: © Susanne Straetz
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