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Baraner: ‘Die Türkei steht für ein gutes Preis-Leistungsverhältnis’
Samstag, 16. Juni 2012, 07:44
„Wir als Türken können ohne fremde Gäste kaum leben. Das ist ein interessantes Gefühl.“

Der Tourismus in der Türkei wächst seit Jahrzehnten stetig. Selbst in den letzten zehn Jahren war die Entwicklung enorm. So besuchten die Türkei 2011 31,5 Mio. Touristen während es 2002 nur 13 Mio. waren. Auch die Einnahmen stiegen von 12 Mrd. auf 23 Mrd. Dollar. Das Land belegt in diesem Sektor den 7. Platz in der Welt. Die Zeitschrift derTürkisch-Deutschen Unternehmer Berlin-Brandenburg, TDU – Zeitschrift für türkische Wirtschaft,  hat mit einem der bekanntesten Personen in diesem Sektor Hüseyin Baraner gesprochen, Inhaber des Internetportals Tourexpi und Türkeiberater der TUI AG.

 

Hüseyin Baraner, Sie sind eine der bekanntesten Persönlichkeiten im Türkei- Tourismus. Erzählen Sie uns bitte trotzdem noch ein wenig über sich?

 

Ich wurde 1957 in Canakkale geboren, als ich 13 Jahre alt war, zog ich mit meinen Eltern nach Deutschland. Dort sowie in Spanien und England habe ich touristische Ausbildungen erhalten. Seit 1978 bin ich in verschiedenen Positionen im Tourismus tätig. In den vergangenen 25 Jahren war ich als Manager in Deutschland, auf Kuba, im Sultanat Oman, in Thailand, in der Dominikanischen Republik und in Algerien tätig. Seit sechs Jahren bin ich als Türkeiberater der TUI AG tätig. Den Preis als einziges Instrument zu benutzen, das reicht nicht, wie man an Griechenland, Ägypten und Tunesien sehen kann.

 

Der Tourismus in der Türkei entwickelt sich ständig und auch schnell. Die Türkei steht auf Platz 7 als Reiseland weltweit. Während die Welt unter einer Krise leidet und der Tourismus in anderen Ländern rückläufige Zahlen schreibt, entwickelt er sich in der Türkei. Wie lässt sich das erklären?

 

Die Türkei steht in den Augen der Gäste für ein gutes Preis-Leistungsverhältnis. Das ist vielleicht das wichtigste, was man erreichen kann. Der günstigste Preis bewirkt nur ein Image als Billigland, das sich niemand wünscht, und senkt auch die Qualität. Den Preis als einziges Instrument zu benutzen, das reicht nicht, wie man an Griechenland, Ägypten und Tunesien sehen kann. Wenn die Qualität parallel zu den Preisen sinkt, dann kann man die Gäste nicht mehr zufriedenstellen. Die Türkei hat das Verhältnis zwischen Preis und Leistung gut begründet und auch den Trumpf „Alles Inklusive“, den sie in der Hand hielt, gut ausgespielt. Die türkische Hotelerie ist einer der Akteure auf der gesamten Welt, der AI mit der größten Erfahrung und dem besten Service umsetzt. Die hohe Kaufkraft des Euro in der Türkei hat das Land zusätzlich noch einmal attraktiver werden lassen. Die Türkei ist also kein Billigland, sondern eines, in dem der Gast empfindet, dass er auch etwas für sein Geld bekommt. Die Türkei verdankt ihr Wachstum der letzten Jahre der Fähigkeit, den Gästen den Service zu bieten, den er erwartet. Der Türkeitourismus hat während der letzten dreißig Jahre sowohl im Marketing als auch in der Entwicklung neuer Produkte große Erfahrungen gesammelt.

 

Betrachten wir uns den Türkeitourismus in Bezug auf die Art und Weise, in der er betrieben wird, so sehen wir, dass er am Beginn einer Umwandlung steht Was können Sie uns über die Struktur, den Aufbau des Türkeitourismus sagen?

 

Der Türkeitourismus funktioniert nach den Regeln der globalen freien Marktwirtschaft. Der Staat verhält sich dem Tourismus Gegenuber liberal, für meinen Geschmack sogar zu liberal, da er den Tourismus ganz und gar dem freien Markt und den Marktbedingungen überlässt. So können auch recht unerfahrene Personen, die über ausreichend Investitionskapital verfugen, im Tourismus aktiv werden. Betrachten wir uns den Türkeitourismus in Bezug auf die Art und Weise, in der er betrieben wird, so sehen wir, dass er am Beginn einer Umwandlung steht: Er setzt immer weniger Betonung auf die bisher genutzten natürlichen Quellen wie Sand, Sonne, Meer und Geschichte, sondern entwickelt allmählich auch neue Ressourcen wie Sport, Gesundheit, Kongressmöglichkeiten und vor allem auch den Thermaltourismus weiter. Vor allem seit diesem Jahr legen wir auch endlich, wenn auch reichlich spät, größeren Wert auf Umwelt- und Naturschutz.

 

Wie verteilen sich die Gäste aus dem Ausland nach ihren Herkunftsländern?

 

Deutschland ist immer noch das wichtigste Quell-Land der Türkei, gefolgt vom russischen Markt, der den Vorsprung Deutschlands immer mehr einholt. In den letzten beiden Jahren sind auch der Mittlere Osten und der Iran wichtig geworden. Im Hinblick auf weltweit sehr wichtige Entsenderländer wie die USA, China, Japan und Indien gelingt es uns trotz intensiver Anstrengungen noch nicht, gute Ergebnisse zu erzielen. Stattdessen nimmt die Zahl unserer Besucher aus Afrika und aus sudamerikanischen Ländern kontinuierlich zu, was uns sehr freut. Wir als Türken können ohne fremde Gaste kaum leben. Das ist ein interessantes Gefühl, wir Türken sind wohl das Volk, das durch fremde Besucher am glücklichsten wird.

 

Sie betreiben den „Informationsdienst für Reisebüros und Reisende“ Tourexpi. Er publiziert in vier Sprachen. Was können Sie uns über dieses Internetportal verraten?

 

Ich habe mein gesamtes Leben damit verbracht, Reiseländer, d.h. Destinationen, Gesellschaftskultur, Hotels und Tourismusprodukte zu vermarkten und bekannt zu machen. Dabei stehe ich seit 35 Jahren in engem Kontakt zu Reisebüromitarbeitern in Deutschland und vielen anderen Ländern in- und außerhalb Europas. Tourexpi habe ich vor fünf Jahren gegründet, um diese Menschen besser erreichen zu können. Zur Zeit beschäftige ich 11 Personen aus 6 Nationen bei Tourexpi, und informiere in den vier Sprachen Deutsch, Englisch, Russisch und Türkisch. Wir übermitteln den 60.000 Mitgliedern aus Reisebüros und von Veranstaltern aus aller Welt, die bei uns Mitglieder sind, unparteiische und gut recherchierte Informationen. Dabei beliefern wir täglich 122.000 Adressen mit Informationen und Nachrichten.

 

Die türkischen Unternehmer in Berlin engagieren sich hier in den letzten Jahren auch im Hotelsektor und investieren in diesem Bereich. Was würden Sie einem Unternehmer raten, der auch in der Türkei in diesem Bereich investieren möchte?

 

Man sollte bei Investitionen in der Türkei nicht nur an Hotels denken. Wichtige weitere Investitionsbereiche sind Jachthafen, Gesundheitstourismus. Sport, Kongresseinrichtungen, Kreuzfahrten, Mietwagen, Transport, Fluggesellschaften und alle Arten von Dienstleistungen. Für ein besonders wichtiges Thema mit großer Zukunft halte ich den Bereich Residenzen für altere Burger inklusive Pflegeangeboten. Ich mag die Deutschen und sehe mich selbst als einen Teil der deutschen Gesellschaft an, schließlich habe ich 40 Jahre lang dort gelebt und mit ihnen zusammengearbeitet. Man kann gemeinsam mit Deutschen Mega-Projekte auf der Basis der EU-Kriterien durchfuhren. Zu Themen wie diesen wurde ich sehr gerne ein Treffen mit Unternehmern aus Berlin veranstalten.

 

Wie wird sich der Türkeitourismus im Laufe der kommenden zehn bis fünfzehn Jahre entwickeln?

 

Der Türkeitourismus wird sich sehr ausdifferenzieren, wir werden Fahrrad-Touren, Best Ager-Urlaub, Kulturprogramme, Gesundheitstourismus und Wintersport anbieten und damit viele Gaste in die Türkei ziehen. Die Türkei wird das Thermalkurenparadies Europas werden, mit neuen Thermalzentren, die an der Linie Afyon- Kutahya-Yalova-Bursa entstehen werden. Der im Bau befindliche Flughafen Zafer bei Afyon wird Thermalgaste aus aller Welt in die Region bringen. Zahlenmäßig gesehen denke ich, dass der Türkeitourismus Gegenuber heute um den Faktor 50 wachsen wird. Wenn sich der Türkeitourismus so weiterentwickelt, wie das momentan der Fall ist, werden wir in 10 Jahren zwischen 40 und 50 Millionen Touristen und Einnahmen in Hohe von zwischen 38 und 43 Mrd. Dollar haben.

 

Gibt es auch Gefahren für den Tourismus?

 

Natürlich bedrohen den Türkeitourismus auch potentielle Gefahren und Risiken. Viele der nun in Angriff genommenen Projekte werden zu hastig umgesetzt. Betonhaufen sind entstanden, die die Menschen abschrecken. Die Städte haben ihr ästhetisches Aussehen verloren. Die meisten Bürgermeister der Türkei sind regionaler Herkunft und besitzen wenig Bildung und Geschmack. Sie verfolgen die Entwicklungen auf der Welt nicht. Stödteplanung wird noch immer von Profiterwägungen und ungesetzlichen Vorgehensweisen geprägt. Unsere Städte werden zu einem wirren Haufen von Eisen, Stahl, Aluminium und Plastik. Ich finde, dass ein guter Touristiker vor allem auch ein Künstler, Historiker, Gourmet, Reisender, Architekt, Sportler, Dichter, Musiker und Soziologe sein sollte.

 

Welche Gefühle bewegen einen Touristiker?

 

Der Tourismus ist mein Leben. Ich bin 55 Jahre alt und als 13jahriger nach Deutschland gekommen. Die Neugierde hat mich zu diesem Beruf gebracht, ich habe inzwischen 165 Länder bereist, und war in fast 40 Ländern touristisch tätig. Menschen, die sich diszipliniert verhalten, die ehrlich und transparent sind, können im Tourismus Karriere machen, dabei sind Kontinuität und eine fortdauernde Weiterbildung unverzichtbar. Ich finde, dass ein guter Touristiker vor allem auch ein Künstler, Historiker, Gourmet, Reisender, Architekt, Sportler, Dichter, Musiker und Soziologe sein sollte, wenigstens vom Interesse her gesehen. Er muss vor allem auch positive Energie ausstrahlen, die Menschen lieben, und ein bescheidener und gebildeter Psychologe sein. Ich habe auf aller Welt, auf allen fünf Kontinenten Freunde, die ich sehr mag, aus allen Nationen, jeder Religion und aus den verschiedensten Kulturen. Mit einigen von ihnen bin ich bereits seit 30 bis 35 Jahren befreundet. Es macht mir großes Vergnügen, mit Menschen aus allen Kulturen, mit den unterschiedlichsten religiösen Überzeugungen und Weltanschauungen zusammen zu sein, ganz gleich, welcher Hautfarbe sie sind.

 

Interview: Mümtaz Ergün

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