Talha Görgülü zufolge ist Ägypten ein Land mit Tradition und einer gewissen politischen Kultur, und wird deshalb seine politischen Probleme in kurzer Zeit lösten können. Dem türkischstämmigen Touristiker zufolge wird Ägypten im schlimmsten Falle einige Frühbucher für den Sommer verlieren.
Tourexpi: Fangen wir doch mit den neuesten Entwicklungen in ihrer Holding an?
TG: Gerne. Wir haben mit den Inlandslinienflügen in der Türkei begonnen, wo wir unseren Gästen zu günstigen Preisen mit Komfort bieten wollen. Wir wollen unseren Menschen dort gute Qualität zu erträglichen Preisen bieten, und sie vor bösen Überraschungen wie Zusatzzahlungen für das Check-In oder das Gepäck bewahren. Wir haben mit sieben Routen begonnen, in Kürze werden aber auch Flüge von und nach Gaziantep hinzukommen, später dann auch Antalya-Antakya und Antalya-Kayseri. Damit wollen wir auch einen Beitrag zur touristischen Entwicklung dieser Provinzstädte leisten. Des Weiteren werden wir auch Flüge nach Bodrum und nach Nordzypern anbieten. Dazu machen wir gerade die Pläne. Außerdem haben wir in Deutschland die German Sky gegründet, was etwas länger gedauert hat, als wir erwartet hatten, doch seit letztem November haben wir auch dort die Flüge aufgenommen. Jetzt werden wir dort in ca. anderthalb Monaten das zweite Flugzeug erhalten. Bis Ende 2011 wollen wir dort 3 Maschinen zur Verfügung stehen haben. Mit diesem Angebot richten wir uns vor allem an die Kunden unseres Veranstalters GTI.
Tourexpi: Lassen Sie mich an dieser Stelle die Unruhen in Nordafrika und vor allem die aktuellen Entwicklungen in Ägypten ansprechen. Wie sehen Sie die Lage in Ägypten? Welche Auswirkungen werden sie auf die Branche haben?
TG: Ägypten hat gewaltige Probleme. Unser Ägyptengeschäft lief gut, wie geplant, und wir haben keine Reisen ausgesetzt. Wir schicken ja vor allem Gäste nach Hurghada, und dort machen alle Gäste ganz ungestört ihren Urlaub. Natürlich sind jetzt die Buchungszahlen gefallen, sogar auf Null. Aber wir haben unsere Flugpläne für den Sommer nicht geändert, wir leiten natürlich unsere aktuellen Kapazität um, aber nicht die für den Sommer. Ich bin der Überzeugung, dass Ägypten ein sehr wichtiges Land ist, das eine hohe Kultur hat, so dass diese Probleme bald gelöst sein werden. Ich hoffe nur, dass dabei nicht zu viel Blut fließen wird. Ich gehe davon aus, dass Ägypten eine neue Regierung erhalten wird, die friedlicher sein, die die Wünsche der Bevölkerung stärker in Betracht ziehen und auch für einen höheren Wohlstand sorgen wird. Ägypten hat sich in den letzten Jahren als Reiseziel sehr schnell entwickelt. Man hat sich dort die Türkei zum Vorbild genommen, und engagiert sich auch in der PR intensiv, so dass sich das Land touristisch weiterhin schnell entwickeln wird. So weit ich weiß, werden im Sommer 2010 bereits mehr Russen Ägypten besuchen als die Türkei. Ägypten hatte auch vorher schon Probleme im Tourismus. Das lässt sich mit den jetzigen Problemen nicht ganz vergleichen, aber es hatte da Bomben- und Terrorattentate gegeben. Deren Auswirkungen hat man schnell überwunden. Die Reiseindustrie floriert, die Menschen wollen auf ihren Urlaub nicht verzichten, und da braucht man das Reiseland Ägypten. Ich bin da als Reiseveranstalter und Betreiber von Fluggesellschaften alles andere als pessimistisch.
Tourexpi: Werden sich die Entwicklungen in Ägypten positiv für die Türkei auswirken?
TG: Das kann schon sein, aber ich finde es nicht angebracht, dies so darzustellen. Wir sind schließlich Partner in derselben Branche. In der Türkei habe ich festgestellt, dass man dort im Hotelgewerbe davon ausgeht, dass nun alle Gäste in die Türkei kommen werden. Ich will das nicht generalisieren, aber es gibt eine Tendenz, dies als Gelegenheit zu betrachten, von der man profitieren kann. Das halte ich für vollkommen falsch. Ägypten wird schlimmstenfalls einige Frühbuchungen für den Sommer verlieren. Aber dabei handelt es sich ja um Angebote mit Preisnachlässen, vorwiegend für deutsche und russische Urlauber. Die Russen aber buchen häufig kurz vor Reisebeginn, vor allem im Falle von Sommerurlaub. Die Deutschen dagegen buchen oft auch Lastminute-Angebote. Davon wird Ägypten dann, sobald die Lage geklärt ist, mit geeigneten Angeboten profitieren und wieder gute Buchungszahlen erreichen können. Kommt hinzu, dass Urlauber, die jetzt Frühbuchungen für andere Länder durchführen, diese auch wieder stornieren und stattdessen Ägypten buchen können. Ich finde, dass wir in dieser Lage sowohl als Reiseveranstalter als auch als Fluggesellschaften und Hoteliers mittel- und langfristig planen, und uns nicht so sehr an tagesaktuellen Entwicklungen orientieren sollten. Wenn die Unruhen nicht übermäßig lange anhalten, glaube ich, dass Ägypten weiterhin ein ernsthafter Konkurrent der Türkei bleiben wird.
Tourexpi: Die günstigen Hotelpreise werden Ägypten wohl auch dabei helfen, die Krise zu überwinden?
TG: Das sehe ich auch so. Man hat dort sehr geringe Ausgaben im Hotelwesen, im Gegensatz zur Türkei. Dort zahlt man Angestellten 50 bis 80 Dollar Gehalt pro Monat. Strom und Brennstoffe sind günstig, die Fleischpreise niedrig, weil man es aus dem Ausland importiert. So könnte Ägypten, ähnlich wie wir das in der Krise 2009 gemacht haben, sich sogar noch besonders profilieren. Das kann ich aus meinen langjährigen Erfahrungen heraus durch aus einschätzen. Ägypten ist es bisher stets gelungen, Krisen sehr schnell zu überwinden, schneller, als uns das in der Türkei gelang. Man hat dort Preisvorteile, klimatische Vorteile und ein gutes Image als Land. Das kann man dort sehr gut nutzen.
Tourexpi: Was erwarten Sie für die Saison 2011?
TG: Die Zuwächse bei den Türkeibuchungen aus Deutschland von 20 Prozent übersteigen sogar unsere Erwartungen, die bei 15 Prozent lagen. Auch in Holland und Polen gibt es Zuwächse in dieser Größenordnung. Deshalb gehe ich davon aus, dass 2011 für die Türkei ein sehr gutes Jahr wird. Wenn es nicht zu ernsthaften Problemen irgendwelcher Art kommen sollte, hat die Türkei im Massentourismus eine bedeutende Position gesichert. Wir haben vor allem an der Türkischen Riviera sehr gute Hotels, die mit den so teuer vermarkteten Hotels in Dubai mithalten können, teilweise sogar Vorteile ihnen gegenüber haben. Die Regierung müsste sich vor allem im Bereich PR und Werbung stärker engagieren, dazu ein Konsortium gründen und ein Budget dafür einrichten. Man könnte innerhalb von zwei Jahren auch die Urlauber für die Türkei interessieren, die bisher kein Interesse an unserem Land gezeigt haben. Die Türkei hat zur Zeit Oberwasser, das sollte man auch für die PR nutzen. Vor allem sollte man auch wohlhabendere Urlauber für die Türkische Riviera interessieren, da dies auch die Saison ausweiten würde. Belek ist für mich zur Zeit das Urlaubszentrum mit den besten Anlagen weltweit. Man müsste die Region noch besser infrastrukturell ausbauen, dann kann man mit ihr noch besser werben.
Tourexpi: Vielen Dank für das Gespräch. |