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‘Der Tourismus ist das Erdöl der Türkei’
19. Juli 2010, 11:39
Cengiz Haydar Barut
Wir übernehmen hier ein Interview mit Cengiz Haydar Barut, dem Vorstandsvorsitzenden des Vereins der Touristischen Betriebe Side-Manavgat (Side-TUDER) aus der türkischen Tageszeitung Sabah, in der der engagierte Touristiker über neue Entwicklungen und das Engagement seines Vereins im Bereich Side an der östlichen Türkischen Riviera Auskunft gibt.

Frage: Können Sie uns etwas über die Tätigkeiten Ihres Verbandes berichten?

 

CHB: Gerne. Zuerst einmal haben wir die Aufgabe, die Besitzer und Manager der touristischen Anlagen im Bereich Side und Manavgat unter einem Dach zu vereinen und die Kommunikation zwischen ihnen zu sichern, gemeinsame Lösungen für anstehende Probleme zu entwickeln, ein gemeinsames Handeln beim Marketing und der PR für unsere Region zu sichern sowie unsere historischen und kulturellen Schätze zu sichern. Zu diesen Zwecken arbeiten wir auch mit staatlichen und kommunalen Stellen sowie anderen Verbänden und Vereinen oder auch Stiftungen zusammen. Zusätzlich richten wir Seminare und Konferenzen aus, arbeiten mit dem Tourismus-Ministerium und Reiseagenturen zusammen und verfolgen Infrastruktur- und Umweltprobleme, wobei wir vor allem im Bereich Kanalisation und Abfallwirtschaft große Erfolge erzielen konnten. Wir unterstützen auch viele künstlerische und kulturelle Aktivitäten in der Region als Hauptsponsoren.

 

Frage: Entspricht die laufende Saison Ihren Erwartungen?

 

CHB: Mit 150.000 Betten hat unsere Region eine der größten Kapazitäten in der Türkei, und deshalb sind wir auch eines der wichtigsten Urlaubsgebiete des Landes. Mit der Entwicklung in diesem Jahr sind wir sehr zufrieden, vor allem im Hinblick auf die Zahl der Besucher aus dem Ausland. Doch das größte Problem für die Touristiker sind die Devisen. Unsere Ausgaben im Land werden höher, der Wert der Devisen fällt. Deshalb sind unsere Preise auch höher als im letzten Jahr. Es stimmt nicht, daß die Türkei billig verkauft wird, es mag zwar günstige Bettenpreise geben, aber wenn wir auch an Suiten denken, dann gibt es auch Anlagen, die sehr hohe Preise von bis zu 1.000 Euro pro Nacht haben. Deshalb sollten wir die Türkei nicht als Billig-Reiseziel bezeichnen. Gerade in Side-Manavgat, aber auch in Belek gibt es viele Anlagen, die sich sehr gut verkaufen.

 

Frage: Wie steht es um die gesetzlichen Bestimmungen für den Tourismus als einen Sektor, von dem wenig die Rede ist, der aber eine der größten Einkommensquellen des Landes ist?

 

CHB: Der Tourismus ist so etwas wie das Erdöl der Türkei und deshalb müssen wir ihn auf jeden Fall nutzen. Der Tourismus ist weiterhin ein Sektor, der hohe Renditen für Investitionen verspricht, doch hat er noch keine wirklich geeignete rechtliche Grundlage. Wir alle bemühen uns darum, daß er sie erhält. Der Tourismus ist die wichtigste Branche in der türkischen Wirtschaft, wird aber nicht ausreichend wahrgenommen. Die Türkei wird auf lange Sicht wirtschaftlich durch den Tourismus gerettet werden, deshalb brauchen wir auch entsprechende gesetzliche Grundlagen.

 

Frage: Gibt es im Bereich Side-Manavgat Umweltprobleme?

 

CHB: Die Region hat Glück, da ihre diesbezüglichen Infrastrukturprobleme weitgehend gelöst sind und da auch immer mehr Kläranlagen mit der neuesten Technologie eröffnet werden. Wir können mit Fug und Recht sagen, daß kein Tropfen Wasser mehr in unser Meer fließt, der nicht geklärt wurde. Und wenn es auch hinsichtlich der Abfallwirtschaft noch dann und wann Probleme gibt, arbeiten wir im Rahmen eines Projektes an ihnen, an dem wir als Side-TUDER, der Verband für Infrastruktur und die Kommunen beteiligt sind. Dafür haben wir auch bereits den „Weltumweltpreis“ erhalten. Jetzt arbeiten wir hauptsächlich an Recyclingprojekten.

 

Frage: Warum gelingt es uns nicht, den Tourismus auf das gesamte Jahr auszuweiten?

 

CHB: Unter den Gästen, die Side besuchen, gibt es immer noch welche, die noch nie etwas von unserem antiken Theater gehört haben, bevor sie hier ankommen. Wir würden es begrüßen, wenn die Kommunen weniger kleine Konzerte organisieren als vielmehr große internationale Veranstaltungen unterstützen würden. Die kleinen Konzerte, die die Kommunen mit dem Ziel veranstalten, Besucher anzulocken, haben keinerlei Wirkung. Wir haben bereits internationale Veranstaltungen wie den Mountainbike-Marathon oder das Kultur- und Kunstfestival Side. Diese sollten wir intensiver fördern. Wir sollten auch die PR-Aktivitäten in einer Hand konzentrieren. Wir haben hier einen der schönsten Mountainbike-Parcours der Welt, was nicht nur meine Meinung ist, sondern auch die internationaler Organisationen. Der steht jedem offen, doch kommen jährlich kaum 1.000 Mountainbike-Fahrer zu Besuch. Das liegt daran, daß er ihnen nicht bekannt ist, und das müssen wir ändern. Wir haben auch nicht genug Angebote, die die Urlauber im Winter wahrnehmen könnten, denn die Urlauber wollen den Winter nicht im Hotel verbringen. Selbst Probleme wie der Nachttarif bei den Taxen wirken sich negativ aus, denn die Urlauber fahren bereits um 23:30 Uhr ins Hotel zurück, um sich den Nachttarif zu sparen. So kann auch kein Nachtleben entstehen.

 

Frage: Die Hotels in der Region bieten vor allem Familienurlaub an. Was erwarten sich die Besucher von Side von ihrem Urlaub?

 

CHB: Unsere Gegend ist wirklich vor allem für den Familienurlaub geeignet. Dabei stehen die Kinder und ihre Aktivitäten im Vordergrund, und Hotels, deren Zimmer für den Aufenthalt mit Kindern geeignet sind.

 

Frage: Über das Konzept AI wird viel kontrovers diskutiert, wie stehen Sie dazu?

 

CHB: AI ist mittlerweile in der gesamten Welt als ein gutes System anerkannt, und die Urlauber fordern dieses Konzept. Das gilt vor allem für Familien mit Kindern, die sich keine Sorgen um ihr Budget machen wollen. Für mich kann es keinen Tourismus ohne AI geben. In Antalya wird das Konzept von den meisten Hotels sehr gut umgesetzt, doch es fehlt noch an Kontrollen für einige schwarze Schafe. Diese dürfen aber nicht aus Ankara gesteuert werden, sondern müssen von Fachleuten durchgeführt werden, die sich mit dem Tourismus auskennen.

 

Frage: Das Filmfestival „Goldene Orange“ wird dieses Jahr auch auf die Umgebung von Antalya ausgeweitet, Teile davon werden in Kreisstädten organisiert. Wie beteiligt sich Ihre Region daran?

 

CHB: Das Festival steht dieses Jahr unter dem Motto „Gesellschaftliche Kommunikation“. Deshalb wollen wir uns auch außerhalb von Antalya in unserer Region daran beteiligen, durch Filmvorführungen in Amphitheatern und ähnliche Aktionen, für die wir die Logistik bieten. Wir wollen vor allem dafür sorgen, daß Filme mit hoher Publikumswirksamkeit in unsere Orte kommen, und daß auch die beteiligten Schauspieler anwesend sein werden.

 

Cengiz Haydar Barut kam 1966 in Side zur Welt, er ist verheiratet und hat eine Tochter. Er ist seit 22 Jahren im Tourismus engagiert und seit nunmehr 10 Jahren Vorsitzender des Side-TUDER. Seit 2006 ist er auch im Vorstand des Verbandes für Umwelt, Tourismus und Infrastruktur Side-Manavgat (MATAB) und seit 2005 auch im Vorstand der Stiftung für Kunst und Kultur Antalya (AKSAV). Seit 1988 ist er im Vorstand der Barut Hotels tätig.

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